Die Bier trinkenden Jungs

Eine neue Serie über einen Streifzug durch die österreichische Fußballlandschaft

Sommer 2015, ein heißer Tag in Messendorf – der SK Sturm steht kurz vor seinem ersten internationalen Testspiel, der Gegner – nicht mehr in Erinnerung – vom Balkan kommend. Gewissermaßen könnte man von einem beinahe geschichtsträchtigen Tag sprechen, zumindest als SturmNetzler, denn an diesem ging der mittlerweile recht beliebte Ticker unserer Seite zum ersten Mal so richtig „on air“. Mit Sack und Pack im Trainingszentrum angekommen, legten Schweißperlen auf unseren Stirnen Zeugnis über die vorherrschende Gluthitze ab. Da kam einer der drei, nicht um die Folgen seiner Handlung wissend, auf die wenig glorreiche aber in vollstem Maße nachvollziehbare Idee, dieses Spiel, diese Premiere für ein damals noch völlig unbekanntes Internetmedium, mit dem Genießen einer schmackhaften, kühlen und hellfarbigen Erfrischung zu feiern. Und weil ein Mitglied dieses Triumvirats, der „Ticker“ … oder Tickerant … oder Tickerer … oder Ticker-Schreiber (ganz ehrlich, ich weiß heute noch nicht, wie man denjenigen nennt), die Vorzüge eines solchen Getränkes ganz besonders und durch LANGSAME Konsumation zu schätzen pflegte, kam es nun einmal dazu, dass er beim Tickern mit einem kühlen Blonden am Spielfeldrand saß und die Ereignisse eines wenig unterhaltsamen Spieles in die Tasten klopfte. Etwa einen Tag danach las der Initiator unseres mittlerweile großen Projekts in den Untiefen des Internets, auch bekannt als Austrian Soccer Board, von den „Bier trinkenden Jungs vom SturmNetz“ – ein herzliches Dankeschön und ein „Prost“ an den Urheber. Ihm sei dieser Artikel/diese Serie ganz besonders gewidmet.

(c) SturmNetz.at

Und geht man nach einem Spiel in Liebenau in die Dampflok (Erklärung überflüssig), sind die Chancen groß, einen Teil der Redaktion dort anzutreffen – „tischkarierend“, sudernd, lachend und ja, das eine oder andere „Dreh und Drink“ Bier genießend. Über die Qualität der schwarz-weißen Hofbrauerei kann man reden, aber keinesfalls diskutieren, zumindest nicht im gemütlichen „Hinterzelt“ des Kultlokals – außer Frage, die „Blaue Forelle“. Hin und wieder wagen wir aber doch den Blick über den Tellerrand, weg vom Stadionvorplatz, raus aus der Dampflok über Grenzen von Stadt und Land.

Dass Fußball nicht nur das Spiel auf grünem Rasen mit Ball an sich ist, sondern sehr viel mehr – das ganze Drumherum – das lernt man als Fan eines Vereins relativ schnell zu schätzen und bald offenbaren sich einem die unnachahmlichen, charmanten Charakteristika eines eigentlich recht unspektakulären, deswegen aber nicht weniger aufregenden regelmäßigen Erlebnisses: Menschen, Situationen, Umstände, Zufälle und ja, das Bier – alles sorgt für manchmal mehr und manchmal weniger Freude. Beinahe intensiviert wird dieses Erlebnis durch den Umstand, dass der eigene Herzensverein nicht in der gewohnten heimischen Spielstätte ran muss, sondern auswärts. Teilweise feine, manchmal aber auch große regionale Unterschiede kommen selbst in der kleinen österreichischen Bundesliga zur Geltung.

Das Engagement für unser kleines aber nicht mehr so unfeines Medium setzt Bereitschaft zu Auswärtsfahrten voraus, eine, zugegeben, keine allzu schwerwiegende Bürde hier in Österreich, sind doch die meisten Spielstätten von Graz aus relativ schnell zu erreichen. Gut, Altach stellt da schon eine große Ausnahme dar, aber alles in allem sind Auswärtsspiele meist Nachmittagsausflüge, Nachmittagsausflüge, die das Fan-Dasein aus Sicht des Autors erst so richtig festigen, aus verschiedenen Gründen. Beispielhaft dafür eine Auswärtsfahrt im Frühjahr 2013. Peter Hyballa war längst beurlaubt worden und Markus Schopp hatte das Zepter für fünf Spiele übernommen. Das SturmNetz noch nicht einmal ein Gedanke im Kopf jener beiden heutigen Redakteure, die sich jene „Kaffeefahrt“ in die Südstadt antaten. In der Saison war, wie sollte es anders sein, der Wurm drinnen. Sturm ein Schatten seiner selbst. Samstagnachmittag, grausliges Graupelwetter. Und, kein Scherz, die Fanklubs hatten Tage zuvor dazu aufgerufen, in Jogginghose zu erscheinen. Symbolhaft für die damalige Situation des Vereins. Die Freude über „Sturm neu“ war schon längst in vernichtende Wurschtigkeit gekippt – die Jogginghose ein Ausdruck dessen. Sturm ging, das sei nur am Rande erwähnt, 0:3 unter, ohne die geringste Chance auf ein Tor. Noch nie zuvor, ärgerte einen eine Niederlage so wenig. Es war einfach egal – was in Erinnerung blieb: dabei gewesen zu sein und, für so etwas einen Nachmittag eines viel zu kurzen Wochenendes hergegeben zu haben. Jogginghose, Regen, die Erkenntnis, dass es in der BSFZ Arena hinter dem Tor unter den Bäumen recht gemütlich ist und dass man den Becher Bier trotz allem genießen kann.

2017, Frühjahr, wieder ging es in die Südstadt. Schon auf der Autobahn – mittlerweile etwas luxuriöser im eigenen Auto unterwegs – kündigte es sich irgendwie an: Der einzige stattfindende Sturm würde doch tatsächlich einer in meteorologischer Hinsicht bleiben. Denn der SK Sturm, zwar diesmal nicht ganz chancenlos, würde ein Lüfterl bleiben (Anm. der Redaktion: 0:1-Niederlage).  Nebensache.  Scheußlicher Wind, kalt – nichtsdestotrotz gut gelaunt marschierten wir am EVN-Gebäude vorbei zum Stadion. Viel, abgesehen vom eingeschalteten Flutlicht, deutete nicht darauf hin, dass hier ein Spiel der höchsten Liga des Landes stattfinden würde. Alles Grau in Grau. Ein paar Leute tummelten sich im Außenbereich unter der einen richtigen Tribüne der „Arena“ – ein unerträglicher Euphemismus für Dorfsportplätze, der eine feige Ausflucht ist, nicht „Stadion“ sagen zu müssen. Dieser Begriff impliziert ja doch so etwas wie eine gewisse Imposanz, von der man in Maria Enzersdorf nicht sprechen kann, ohne es ironisch zu meinen. Ganz unironisch jedoch kann man von einem gewissen Charme dieser Spielstätte sprechen, denn alles wirkt familiär – man kennt sich. Nicht nur im VIP-Klub, sondern auch an den zwei bis drei „Standln“, die der gastronomischen Versorgung des Publikums dienen.

(c) Martin Hirtenfellner Fotografie

Ein solches suchten wir zu dritt auf und bestellten, wie es sich für die Bier trinkenden Jungs (danke noch einmal dafür) nun einmal gehört, je einen Becher Bier – Villacher, um genau zu sein. Dass man in Mödling Villacher bekommt, ist nur deswegen kurios, weil in den Spielstätten der Bundesliga üblicherweise regionale Hopfen- und Malz-Kost angeboten wird. Hier könnte man, obwohl der Gerstensaft der Kärntner Brauerei eigentlich sogar vielerorts getrunken wird, von einem Südtstädter Unikum sprechen. Dazu wird vor allem in Niederösterreich und dem nördlichen Burgenland (Mattersburg) gerne die „Knacker mit Semmerl“ angeboten – eine kalte Knackwurst, liebevoll allzu gerne auch „Beamtenforelle“ genannt mit einer Lang- oder Kaisersemmel. Eine durchaus schmackhafte Kombination, wenn Senf und Kren nicht fehlen.

Über viele Dinge kann man herzlichst und wunderbarst streiten, vor allem wenn es um Bock, Hopfen, Märzen, Pils oder Weizen geht. Drei verschiedene Verkoster, drei verschiedene Meinungen – während der Autor sich ob des prickelnden Abgangs seines Villachers – man spricht hier von der sog. Rezenz des Bieres –  durchaus zufrieden zeigte, wurde von seinen Kollegen bemängelt, dass das Gebräu etwas „laff“ schmeckte. Dies mag einer etwaigen Verwässerung geschuldet sein, die man in Österreichs Fußballlandschaft nur allzu oft zu „erdulden“ hat. Nichtsdestotrotz machte das kühle Villacher trotz oder vielleicht sogar wegen (?) der für das Frühjahr niedrigen Temperaturen eine akzeptable Figur. Man könnte es trotz seiner sehr deutlich malzigen Note  als sehr „süffig“ bezeichnen. Zumindest ging es besser runter als das Spiel, über das wir zu berichten hatten.

 

1 Kommentar

  1. graz4ever sagt:

    Zum Glück gibts bei euch keine „Negativ-Likes“, denn sonst würd i jez wahrscheinlich damit überflutet, aber sorry, ich muss es einfach sagen:

    Bier – das grässlichste Gesöff überhaupt

    (in seiner „Angenehmheit“ mit Sauerkraut-Saft vergleichbar)

    Trotzdem wirklich amüsanter Artikel und (anscheinend) auch wieder eine tolle neue Serie..

    Danke dafür 🙂

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