Der tiefe Fall des steirischen Fußballs

Oder: Wie die Steiermark zum Mittelmaß wurde

Von 27 auf 10 Prozent. Von etwas mehr als 1/4 auf gerade einmal 2/20. Auf diesen Zahlen beruht der „tiefe Fall des steirischen Fußballs„. In der Saison 2006/07 (fußballaffinen Grazern [egal ob rot oder schwarz] läuft an dieser Stelle wahrscheinlich ein kalter Schauer über den Rücken) war das zweitgrößte Bundesland Österreichs noch mit sechs Profivereinen im Fußballsport vertreten. Zehn Jahre später stellt man mit dem Kapfenberger SV und dem SK Sturm Graz nur noch zwei Klubs. Ein Armutszeugnis für den steirischen Fußball.

Beginnen wir in ebenjener Saison vor ungefähr zehn Jahren. Österreichs zweithöchste Spielklasse wurde soeben auf zwölf Klubs aufgestockt und plötzlich schickte die Steiermark mit dem SK Sturm und dem GAK zwei Vereine in das Rennen um die Meisterschale und mit dem DSV Leoben, dem FC Gratkorn, dem KSV und der TSV Hartberg vier Klubs in das um den Aufstieg – mit Abstand die meisten aller Bundesländer. Es sollte anders kommen, in der 1. Liga beendeten die zwei letztgenannten Vereine die Meisterschaft als Schlusslichter, die Falken aus der Obersteiermark stiegen nur nicht ab, weil der Admira aus Mödling die Lizenz entzogen wurde. Ebenso wie dem GAK eine Spielklasse höher. Viele Sturm-Afficionados feierten dies, als gäbe es kein morgen. Chants wurden gesungen, Tränen wurden gelacht (auf anderer Seite geweint). Doch für den steirischen Fußball war dies der erste Schritt in die Bedeutungslosigkeit.

„GAK, Landesliga,
oh, wie ist das schön, euch nie wieder zu sehen!“

Trotzdem durfte man in der darauffolgenden Spielzeit fünf Kernöl-Profimannschaften bewundern, wobei das Gastspiel des SV Bad Aussee aus dem steirischen Teil des Salzkammergutes mit 20 Punkten und einem letzten Platz ein kurzes werden sollte. Das Spitzenduo dieser 1. Liga-Saison kam diesmal aber ebenfalls aus dem Steirerland und so durfte sich der KSV, der sich gegen Gratkorn durchsetzte, in der Saison 2008/09 in der Bundesliga präsentieren. In diese ging man nur noch mit vier Vereinen, dafür aber wieder mit zweien in der Bundesliga. Kapfenberg etablierte sich, Leoben musste als Vorletzter der 1. Liga das Profigeschäft verlassen, allerdings konnte man mit Hartberg einen neuen Klub gewinnen. Es folgte die Saison 2010/11. Eine, die schwarz-weiße Herzen höher schlagen lässt, aber auch eine, die einen Umbruch herbeiführte.

Sturm gewann also in dieser Spielzeit etwas überraschend die Meisterschaft, allerdings wurde auch die 1. Liga wieder auf zehn Vereine herabgesetzt. Dies wurde dem FC Gratkorn zum Verhängnis, erstmals seit der Saison 2001/02 stellte die Steiermark nur mehr drei Mannschaften in den höchsten beiden Spielklassen. Es sollte nicht besser werden, ein Jahr später war der KSV wieder zweitklassig, Hartberg umging den Fixabstieg nur durch den Lizenzentzug des LASK und verhinderte in einer denkwürdigen Relegation die Rückkehr der „Roten Teufel“ in das Profigeschäft. Der Rest ist Geschichte. 2012/13 war es dann soweit, die Steiermark war, gemessen an der Anzahl der Vereine, nicht mehr stärkste Kraft im Land und wurde überholt. Von wem? Von Niederösterreich. Von jenem Niederösterreich, das zu Beginn unserer Zeitrechnung (2006/07) nur mit der Admira vertreten war. Zusätzlich dabei waren nun der SC Wiener Neustadt, der SKN St. Pölten und der SV Horn. Man war den umgekehrten Weg gegangen.

Der absolute Tiefpunkt wurde aber erst zu Beginn der heurigen Saison erreicht. Da Hartberg den Gang in die Regionalliga Mitte antreten musste, wird die Steiermark heuer nur mehr vom SK Sturm in der Bundesliga sowie dem KSV in der 1. Liga vertreten. NIE, seit der Saison 1962/63, als das Steirerland nur durch den GAK in der damaligen Liga A (14 Mannschaften, keine eingleisige zweite Leistungsstufe) vertreten wurde, war die Steiermark mit weniger Vereinen in Österreichs beiden höchsten Spielklassen vertreten. Das letzte Mal, als die „Grüne Mark“ nur zwei Vereine stellte, war in der Saison 1970/71. In der gesamtösterreichischen Nationalliga fand sich nur der SK Sturm und der GAK wieder, damals wurde die Liga mit 16 Mannschaften ausgetragen, darunter gab es keine eingleisige zweite Liga. Der WSV Donawitz, besser bekannt als DSV Leoben, konnte damals allerdings die Regionalliga Mitte gewinnen und war in der darauffolgenden Saison ebenfalls Bestandteil der Nationalliga.

In der aktuellen Saison ist Salzburg mit vier Vereinen Spitzenreiter, gefolgt von Niederösterreich und Wien mit jeweils drei. Kärnten, Oberösterreich, Vorarlberg und die Steiermark teilen sich mit jeweils zwei Vereinen nun den dritten Platz. Mit nur einem Verein vertreten sind das Burgenland, dessen Hauptstadtklub das letzte Mal Bundesliga spielte, als der Autor dieses Artikels noch in Abrahams Wurschtkessel war und Tirol, dessen einziger Punktelieferant der letzten zehn Jahre der FC Wacker war, 2005/06 verabschiedete sich der FC Kufstein aus dem Profigeschäft.


 Anteil der Vereine der beiden höchsten Spielklassen

  • Wien, Salzburg, Steiermark und Oberösterreich sind die einzigen Bundesländer, welche in den letzten zehn Spielzeiten immer mindestens einen Bundesligisten gestellt haben. Nie hatte ein Bundesland mehr als zwei.
  • Wien, Steiermark, Niederösterreich und Vorarlberg sind die einzigen Bundesländer, die in den letzten zehn Saisonen immer mindestens einen Vertreter in die 1. Liga geschickt haben. Niederösterreich (2008/09), Vorarlberg (2009/10 – 2012/13) und die Steiermark (2006/07 & 2007/08) waren die einzigen Bundesländer mit 3 Vereinen in der 1. Liga, Vorarlberg (2009/10) und die Steiermark (2006/07 & 2007/08) hatten sogar 4, das waren 33% aller Mannschaften.
  • Die Steiermark war in den letzten zehn Jahren mit dem SK Sturm, dem GAK, dem KSV, der TSV Hartberg, dem DSV Leoben, dem FC Gratkorn und dem SV Bad Aussee mit insgesamt 7 Vereinen vertreten, kein anderes Bundesland mit mehr. Tirol hatte einzig und allein den FC Wacker aufzubieten, eigentlich traurig.Punkte in der Bundesliga
  • Die Steiermark konnte in den letzten neun Saisonen, mit Ausnahme von jener 2014/15 (Platz 5), immer mindestens den 4. Platz belegen, wenn es um die Anzahl der gesammelten Punkte in der Bundesliga geht. In der Cupsiegersaison und in der Meistersaison des SK Sturm schaffte man mit zwei zweiten Plätzen die besten Platzierung, hinter Wien, das mit Ausnahme der Spielzeit 2006/07 (1. Platz Oberösterreich) und 2013/14 (1. Platz Salzburg) (2x Platz 2) immer den 1. Platz errungen hat. Rechnet man die Daten der heurigen Hinrunde hoch, landet Wien wieder auf dem 1. Platz, die Steiermark auf Platz 4.
  • In der Saison 2009/10 erreichte Wien einen absoluten Höchstwert, als die Wiener Austria und der SK Rapid gemeinsam 30% aller Punkte der Bundesligisten gesammelt haben. Der SK Sturm und der KSV kamen zusammen auf 91 Zähler und hielten mit 18% somit den zweiten Rang.
  • Nimmt man die durchschnittliche Punkteanzahl eines Bundeslandes in der Bundesliga her, landete Sturm seit Beginn unserer Zeitrechnung immer zumindest auf dem 5. Rang. Eine Ausnahme ist die Saison 2011/12, als Kapfenberg den Gang in die 1. Liga antreten musste. Mit im Durchschnitt nur 37 Punkten sammelte man die wenigsten Punkte aller Bundesligisten und landete somit auf Platz 7, Vorarlberg und Kärnten war mit keinem Verein vertreten.
  • Das Bundesland Salzburg war in dieser Periode sieben mal Sieger dieser Rechnung, zumeist natürlich seinem gleichnamigen Hauptstadtklub geschuldet. 2007/08 musste man Wien den Vorzug lassen, Hütteldorf und Favoriten errangen durchschnittlich ein halbes Pünktchen mehr. Letzte Saison kam man gar nur auf den 3. Rang, den Platz an der Sonne hatte kurioserweise Vorarlberg inne, gefolgt von der Steiermark, die beste Platzierung in diesen zehn Jahren. Hochgerechnet auf diese Saison heißen die Top-4 Wien, Salzburg und ex-aequo Niederösterreich und Steiermark.Punkte in der 1. Liga
  • Betrachtet man die Anzahl der gesammelten Punkte in der 1. Liga, darf sich die Steiermark drei mal über den 1. Rang freuen, nur Vorarlberg (5) war öfter Erster. 2006/07, 2007/08 (182 Punkte = Höchstwert) und überraschenderweise 2014/15, trotz Absteiger Hartberg, war dem Steirerland diese Ehre gegönnt. Mit 87 Punkten sammelte man übrigens gleich viele wie Niederösterreich, dessen SV Horn als Vorletzter ebenfalls abstieg. Zusätzlich vier dritten und einem vierten Platz steht ein 7. Platz (2011/12) gegenüber, als nur die TSV aus Hartberg auf Punktejagd ging – und das mit 27 Zählern nicht gerade erfolgreich. Tirol und das Burgenland stellten in dieser Saison keinen Verein. Prognostiziert sieht es diese Saison nicht unbedingt besser aus, mit Platz 6 würde man nur Kärnten und Wien hinter sich lassen, das Burgenland hat keinen Vertreter.
  • 2010/11 erreichte Vorarlberg einen Höchstwert, als der SCR Altach, FC Lustenau und Austria Lustenau zusammen 34% aller in der 1. Liga vergebenen Punkte sammelten. Auf Rang 3 landete in dieser Saison die Steiermark mit 14%.
  • Das Quantität nicht alles ist, beweisen aber folgende Zahlen. Berechnet man die durchschnittliche Punktanzahl eines Bundeslandes in der 1. Liga, kam die Steiermark nie über den 4. Platz hinweg und gurkte zumeist zwischen den Plätzen vier bis sechs herum.
  • Addiert man die Punkte aus der Bundesliga und der 1. Liga, durften sich Sturm Graz und Co. über neun Saisonen gesehen drei Mal über den 1. Platz vergnügen, am öftesten, ex-aequo mit Wien. In der ersten Spielzeit unserer Zeitrechnung durfte man sich sogar über den Topwert von 248 erreichten Punkten (24% aller erspielten Punkte in den zwei Profiligen) freuen, ein Jahr später schaffte man das Kunststück mit zehn Zählern weniger erneut und als Sturm Meister wurde, reichten sogar 176 Punkte (18%), um sich mit Niederösterreich den 1. Rang zu teilen. Dazwischen kam man zwei Mal auf den 3. Rang, nach Sturms Erfolg erreichte man nur noch die Plätze, 6, 5, 4 und 4. Hochgerechnet würde die Steiermark diese Saison mit nur 97 Zählern (10%) auf dem 6. Rang beenden, in den vorangegangenen Spielzeiten holte man immer mindestens 100 Punkte.Tatsächliche Punkte
  • Da man die gesammelten Punkte aus Bundesliga und 1. Liga selbstverständlich nicht relativieren kann, sehen wir uns nun die gesammelte Anzahl der tatsächlichen Punkte an, diese setzt sich zusammen aus allen Punkten der Bundesligisten + die Hälfte der Punkte der 1. Ligisten aus dem jeweiligen Bundesland.
  • Auch hier kommen wir auf sehr interessante Ergebnisse, so war die Steiermark in den vier Saisonen vor Sturms Meistertitel immer auf Platz 2 zu finden. 2010/11 kam man mit 140 tatsächlichen Punkten sogar auf Rang 1, danach gab es aber nur noch einen fünften und drei vierte Plätze.
  • Wien ist mit fünf 1. Plätzen Führender dieser Statistik und war bei einem anderen Gewinner immer Zweitplatzierter, eine Ausnahme stellt hier die Saison 2006/07, als man weit abgeschlagen hinter Oberösterreich und der Steiermark Dritter wurde. Die letzten zwei Spielzeiten hatte Salzburg die Nase vorne, auch bedingt durch den Aufstieg des SV Grödig in die Bundesliga.
  • Rechnet man die heurige Spielzeit hoch, kommt man auf das Ergebnis des Vorjahres, nur Vorarlberg und Oberösterreich tauschen Plätze. Endstand: 1. Salzburg, 2. Wien, 3. Niederösterreich, 4. Steiermark, 5. Oberösterreich, 6. Vorarlberg, 7. Kärnten, 8. Burgenland, 9. Tirol
  • 2009/10 erreichte Wien einen absoluten Spitzenwert mit 180,5 Zählern, die Steiermark als Zweiter hielt bei 131,5. In dieser Saison gab es auch den niedrigsten Wert unserer Zeitrechnung, Kärnten holte mickrige 15 Punkte.Tabellen_final-1
  • Betrachtet man diese Tabelle, erkennt man, dass Red Bull Salzburg in den vergangenen neun Spielzeiten das Um und Auf Österreichs war. Kein Team holte in der höchsten Spielklasse auch nur annähernd so viele Zähler wie die Dosenimperiumstochter (649), zwei Drittel der Meisterschalen, die in dieser Zeit ausgespielt wurden, durfte der Kapitän des Kommerzvereins in die Luft strecken. Die drei restlichen Meister heißen Rapid Wien, Austria Wien und Sturm Graz. Die SV Ried ist der einzige Verein, der wie alle vorhergenannten Klubs, alle neun Spielzeiten in der Bundesliga bestritt, aber keinen Meistertitel feiern durfte.Tabellen_final-3
  • Überträgt man diese Daten auf die Bundesländer, konnte Wien in dieser Zeit die meisten Punkte (1098) sammeln, zwei von Stadtgeldern geförderte Klub machen’s möglich. Weit abgeschlagen auf Platz 2 (740 Punkte) ist Salzburg zu finden, 649 davon sammelte die Multi-Kulti-Truppe aus der Hauptstadt, Geld verleiht ja bekanntlich Flügel. Die Steiermark liegt auf dem soliden 3. Rang (663 Punkte).Tabellen_final-2
  • Sieht man sich die „ewige Tabelle“ der 1. Liga an, sieht man eine klare Vormachtstellung des zweitkleinsten Bundeslandes Österreichs. Der SCR Altach und die zwei Lustenauer Klubs machen den Braten fett. Austria Lustenau ist der einzige Verein, der alle neun Spielzeiten in der 1. Liga verbracht hat und somit auch mit Abstand der eifrigste Punktesammler ist (476), allerdings konnte man, no na, noch nie den Aufstieg fixieren. Der SC Wiener Neustadt benötigte nur eine einzige Saison für dieses Kunststück und liegt mit durchschnittlich 69 gesammelten Punkten pro Saison in dieser Wertung auch an der ersten Stelle. Keinem Verein gelang in den letzten neun Saisonen zwei Mal der Aufstieg. Erstaunlich ist, wie lange sich die TSV Hartberg in der 1. Liga halten konnte, mit durchschnittlich 35 Zählern pro Saison landet man hier auf viertletzter Stelle.Tabellen_final-4
  • Hinter Vorarlberg, das mit 1134 Punkten die meisten aller Bundesländer sammeln konnte, liegt auch schon die Steiermark mit 863 Zählern. Wien konnte als einziges Bundesland in unserer Zeitrechnung keinen Aufsteiger stellen, Niederösterreich als einziges Bundesland zwei.Tabellen_final-5
  • Sieht man sich die Anzahl der gesammelten tatsächlichen Punkte an, verändert sich nicht viel, die Top-5 der Bundesliga sind auch die Top-5 dieses Rankings. Einziger nennenswerter Unterschied: Dem SV Bad Aussee wurden die Punkte halbiert und liegt jetzt mit nur mehr 10 Zählern auf dem letzten Rang.Tabellen_final-6
  • Betrachtet man die tatsächlichen Punkte der Bundesländer, lässt sich erkennen, dass Wien mit 1292,5 Zählern auch hier klar die Nase vorne hat, den Platz an der Sonne werden sich die Hauptstädter so schnell wohl auch nicht mehr nehmen lassen, ist es doch nicht abzusehen, dass Österreichs Schiedsrichter vorhaben, die zwei Wiener Klubs absteigen zu lassen. Auf Rang 2 findet sich auch hier die Steiermark wieder, 1094,5 Punkte sind beachtlich. Allerdings darf befürchtet werden, dass man in absehbarer Zukunft von Salzburg überholt wird. Auch Nieder- und Oberösterreich schlafen nicht, stellt man doch mit St. Pölten und dem LASK zwei heiße Anwärter auf den Aufstieg in die Bundesliga.

Jetzt darf aus steirischer Sicht gehofft werden, dass der aktuell Führende der Regionalliga Mitte den sofortigen Wiederaufstieg schafft. Alle Nicht-Steirer hoffen das bitte nicht, für die Attraktivität der 1. Liga wäre eine Rückkehr der TSV nicht unbedingt förderlich. Trotzdem wäre es schön, bald wieder mit drei Vereinen in Österreichs Profifußball vertreten zu sein und ganz ehrlich, bis sich der GAK seine Wege aus den Tiefen des steirischen Amateurfußballs gebahnt hat, war Sturm schon wieder Meister.

Alle hier angegebenen Zahlen sind zuzüglich der wegen Lizenzproblemen oder aus anderen Gründen abgezogenen Punkte berechnet, deswegen scheint z.B.: der GAK in unseren Statistiken mit 34 anstatt mit 6 Punkten auf.

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