Der große SturmNetz-Jahresrückblick (Teil 2/4)

April, Mai, Juni 2018

Das 109. Bestandsjahr des Sportklubs Sturm Graz war ein – passend zum Vereinsnamen – mehr als stürmisches. Ein orkanartiges Frühjahr mutierte dabei im Mai in Klagenfurt zum Hurrikan, als man nach siebenjähriger Flaute mit dem Cupsieg wieder einen Titel holte. Doch Sturm wäre nicht Sturm, hätte sich der Wind rund um Messendorf nicht rasch gedreht: Ein äußerst enttäuschender Frühherbst sollte folgen. Larnaka und Trainerentlassung als Kulminationspunkte. Es bedurfte schon einer Vereinslegende, die die Segel neu setzte und den Klub wieder in ruhiges Fahrwasser brachte. Obwohl die schwarz-weiße Farbkombination zu den Blackys besser passt als jede andere, eine derart rasche Abfolge von himmelhoch jauchzend zu zu Tode betrübt ist selbst für Sturmverhältnisse durchaus außergewöhnlich. SturmNetz lässt das Jahr 2018, aufgeteilt in vier Kapitel, nochmals Revue passieren:

© Martin Hirtenfellner Fotografie

18. April 2018: Cup-Halbfinale: SK Sturm Graz vs. SK Rapid Wien

Für den SK Sturm gibt es in Österreich kein brisanteres Duell als jenes mit dem SK Rapid Wien. Wenngleich wahrscheinlich noch immer nicht so berüchtigt wie das Wiener Derby, ist diese Begegnung fantechnisch das Feinste, was der österreichische Fußball zu bieten hat. Da treffen zwei ebenbürtige Fußball- und Fankulturen aufeinander. Ein Cup-Halbfinale in Graz versprach deshalb schon seit der heißersehnten Auslosung ein echter Kracher zu werden.

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Der Mannschaftsbus sollte am Spieltag vor dem Stadion empfangen werden und kaum jemand rechnete wohl wirklich mit einer derartigen Menschenmenge in Schwarz-Weiß, die die Mannschaft mit Gesängen und bengalischen Feuern auf das Spiel einschwor, als sich der Bus durch die dichten Nebelschwaden zum Stadion durchkämpfte. Kaum stimmungsvoller hätte der Auftakt für ein wahrlich denkwürdiges Spiel ausfallen können. Ein Meer an Menschen, Fahnen und Bengalen – alle friedlich, alle gut gelaunt, alle optimistisch. Dass Sturm dann nicht 90, sondern 120 Minuten brauchen würde, um die Wiener in ein weiteres Jahr der Titellosigkeit zu schießen, wurde letztlich zu einer Randnotiz der Geschichte. Wir rätseln heute noch, wo Thorsten Röcher in der 102. Minute die Energie hernahm, einen derartigen Sprint an die Grundlinie hinzulegen und von dort Emeka Friday Eze so perfekt zu bedienen, der ein Tor erzielte, das wohl sämtliche Seismographen ausschlagen ließ, denn die Grundfesten des Stadion wackelten während des Freudentaumels wie schon sehr lange nicht mehr.

In ebenjenem Spiel lieferte Jörg Siebenhandel übrigens sein zweites Pflichtspielassist dieser Saison – mit einem langen Abschlag nach vorne fand er Bright Edomwonyi, der diese Vorlage mit nur zwei Ballberührungen perfekt zu verarbeiten wusste.

Die Freude kannte keine Grenzen mehr. Endlich wieder Sturm auf Klagenfurt, endlich wieder weit über 20.000 Sturmfans, die ihre Mannschaft zum 8. nationalen Titel treiben würden.

20. April 2018: Cup-Aus Damen gegen St. Pölten

Auch im Frauenfußball gehört der SK Sturm mittlerweile zu den renommiertesten Klubs des Landes und die schwarz-weißen Ladys halten fortlaufend, was der Name „Sturm“ verspricht. Durch sehr dominanten Ballbesitzfußball schießen sie sich von Erfolg zu Erfolg und spielen immer wieder um Plätze unter den Top 3 mit. Das bisher wohl größte Highlight war die Champions-League-Teilnahme im Jahr 2017.

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Ein erster nationaler Titel blieb den Damen allerdings auch im Jahr 2018 verwehrt. Mit viel Lospech mussten sie bereits im Cup-Halbfinale gegen die mächtigsten Konkurrentinnen, den SKN St. Pölten, ran und verloren zuhause denkbar deutlich mit 1:4. Die mittlerweile auch nach St. Pölten verabschiedete Besijana Pireci sorgte in der 21. Minute für die zwischenzeitliche Führung der Blackys und ließ die zahlreich in Graz-Messendorf erschienenen Fans hoffen, doch nach anfänglichen Schwierigkeiten legten die Niederösterreicherinnen einen Zahn zu und Fanni Vago brachte ihr Team noch vor der Pause mit 2:1 in Führung. Alles Risiko, das die Grazerinnen nach dem Seitenwechsel auf sich nahmen, brachte leider keinen Erfolg, sondern zwei weitere Gegentore.

Die St. Pöltnerinnen trafen im Finale dann auf Neulengbach und siegten mit 5:1.

27. April: Hierländer verlängert um 3 Jahre

Viele sahen den sympathischen Kärntner schon bei Rapid, denn in jeder erfolgreichen Saison dreht sich in Graz ein Damoklesschwert über den Häuptern der Verantwortlichen – wer würde den SK Sturm nach dieser tollen Saison verlassen? Der Kapitän jedenfalls nicht, denn am 27. April verlängerte er seinen Vertrag um weitere drei Jahre und blieb den Schwarz-Weißen somit trotz wahrscheinlich sehr verlockender Angebote der Konkurrenz treu. Dieser Schritt brachte ihm zweifelsohne nicht nur noch mehr Sympathien ein, sondern rückte ihn wahrscheinlich sogar ein ganzes Stück näher an den Nimbus eines „Echten Schwoazn“ heran.

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Am selben Tag hatte Geschäftsführer Günter Kreissl auch eine weitere erfreuliche Nachricht zu vermelden. Anastasios Avlonitis, unser „Innengrieche“, kehrte zum SK Sturm zurück – jeder kennt ihn, jeder weiß, was er kann und in den letzten Spielen mauserte er sich unter Roman Mählich wieder zur Stammkraft.

29. April: Rapid schon wieder besiegt

Müsste man für die Frühjahrssaison einen Lieblingsgegner des SK Sturm benennen, kämen einem zuallererst wohl die Grün-Weißen aus Hütteldorf in den Sinn, denn gleich zweimal innerhalb kürzester Zeit zogen sie in Graz mit langen Gesichtern wieder von dannen. Quasi gerade eben die letzte Chance auf einen Titel verspielt, musste Rapid nun auch in der Liga noch einmal in Graz erscheinen und sich fast ein bisserl abwatschen lassen.

Wieder geigte der SK Sturm groß auf und wieder hatten die Wiener das Nachsehen. Schon in der 3. Minute sorgte Emeka Eze für das 1:0. Nicht einmal 25 Minuten später bescherte er dem Grazer Publikum nach einem Zulj-Eckball auch schon das 2:0. An dieser Stelle muss Kvilitaias Anschlusstreffer erwähnt werden, der für den weiteren Spielverlauf allerdings keine Relevanz haben sollte. In der 63. Minute ließ Peter Zulj die gegnerische Defensive alt aussehen. Einen tollen langen Ball von Maresic nahm er gekonnt herunter, ließ seine Gegenspieler aussteigen und überlupfte schließlich Richard Strebinger zum 3:1. In der 72. Minute traf Jimmy Jeggo dann noch zum 4:1. Eine weitere Randnotiz das 2:4 aus Sicht Rapids.

1. Mai 2018: Der Tag des SK Sturm

Am 1. Mai vor 109 Jahren wurde der SK Sturm Graz gegründet. Dort, wo sich die Gründer damals zum Kicken mit dem Fetzenlaberl trafen, steht heute eine Stele zu deren Ehren. Diese wurde am 1. Mai 2018 in fertigem Zustand der Öffentlichkeit präsentiert.  Mit folgenden Worten würdigte Präsident Christian Jauk den Geist des SK Sturm: „Sturm ist viel mehr als eine zeitgeistige Erscheinung. Wir waren immer der Verein, dem es egal war, wo wer gearbeitet hat, aus welcher sozialen Schicht er gekommen ist. Sowas wurde nie gefragt. Wir haben ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt, wie kein zweiter Verein. Es ist unsere verdammte Verantwortung, hinauszutragen, dass Sturm viel mehr ist, als ein Fußballverein.“ Kollege Günter Kolb drückte sich folgendermaßen aus:

Denn egal ob Nordkurvenbesucher, Only-TV-Konsument, Dauernörgler, Allesfahrer, Glory Hunter oder VIP-Klub-Besucher – so unterschiedlich die Charaktere auch sein mögen, im Prinzip eint sie doch eines: Die Liebe zu Sturm.

Leseempfehlung:

Kollege Günter Kolb verfasste einen Geburtstagsglückwunsch zum 109. Geburtstag. 

9. Mai 2018: Das Cupfinale

Der 9. Mai 2018 ist ein geschichtsträchtiges Datum – Schwarz-Weiße, die ihn miterleben durften, werden ihren Enkeln und Urenkeln noch davon erzählen, das ist sicher. Schon in der Schule in Cup-Tracht unterwegs – wie übrigens einige seiner Schülerinnen und Schüler auch ­– brachte der Autor an diesem Tag für seinen Brotberuf kaum etwas aus den Socken. Beinahe katatonisch schlürfte er seinen Kaffee im Konferenzzimmer, während seine Kollegen sich seiner Anspannung bewusst waren und nur vorsichtig erwähnten, dass RB Salzburg eventuell auch den Titel holen könnte ­– ein geradezu grotesk absurder Gedanke – fahrig fuhr er mit der Kreide über die Tafel – physisch anwesend, geistig längst in im Wörthersee-Stadion – und beinahe teilnahmslos schwebte nach Unterrichtsende zu seinem Auto am Parkplatz. Endlich frei, endlich on the road to Klagenfurt.

Viel zu früh schon eigentlich, denn die digitale Uhr neben dem Tachometer zeigte 14:00 Uhr an, als ein silbergrauer Chevrolet mit Deutschlandsberger Kennzeichen und vielleicht etwas überhöhter Geschwindigkeit den Grenzübergang zwischen der Steiermark und Kärnten passierte. Und ein kleines Omen mag es gewesen sein, dass sich der erste Stau just kurz nach der Abfahrt St. Andrä bildete und sich die Bundesstraße so als schelle Ausweichroute förmlich aufdrängte. Kein Stau, keine Verzögerung mehr. Um 15:00 Uhr konnte das Auto der Obhut des Parkplatzes eines überraschend feinen Hotels überlassen werden. Der Bus brachte uns schließlich in den Europapark und dort fühlten wir uns nicht nur aufgrund jenes Parks riesengroß, der die gesamte Welt als Miniaturausgabe beheimatet, sondern einfach auch dank der vielen Sturmfans, die sich von dort aus per pedes auf den Weg zum Stadion machten. Schon war sie wieder da, die schöne Erinnerung an das Frühjahr 2010, als man von einer „schwarz-weißen Völkerwanderung“ sprach – langsam erhob sich diese typische „Stadionvorplatzmusik“ nur gewaltiger, orchestraler, hymnischer. Als schwelgten 20.000 Schwoaze in Erinnerungen und das bei Bier und Würschtl.

Ganz stark fühlt man sich als Sturmfan in so einem Moment und plötzlich verstummten auch die letzten Zweifel – Sturm würde dieses Ding gewinnen, wenn schon nicht auf dem Feld dann ganz sicher auf den Tribünen. Ein bisschen hing einem nämlich die verpatzte Generalprobe gegen den Ligakrösus im Hintergedanken. Der SK Sturm hatte in der Woche zuvor gegen RB Salzburg nämlich eine 2:4-Niederlage kassiert. Aber nur ein bisschen. Neuer Tag, neue Chancen! Einige von uns machten sich sogar einen Spaß daraus, nach Salzburg-Anhängern Ausschau zu halten – eine wahrlich schwierige Aufgabe, denn kaum welche waren zu erspähen, obwohl sie den einen Auswärtssektor später doch gut füllen sollten. Wo man auch hinging, schallte es „Sturm Graz“! Alles in Schwarz-Weiß!

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Weil diese Massen an Menschen auch irgendwie rechtzeitig ins Stadion befördert werden mussten, machten wir alle uns frühzeitig auf, die Ränge zu „stürmen“. Südseite, Oberrang – so wie es sich gehört! So schön – eine schwarz-weiße Menschenmenge im Licht des nahenden Sonnenuntergangs. Dann, ganz gemächlich, setzte sich der Tross in Bewegung, um die scheinbar noch weit weg liegenden Drehkreuze zu passieren und nach wenigen hundert Glücklichen war auch schon wieder Schluss mit dem Einlass?

Transparente, Feuerschutz, Bürgermeisterin ­– wir standen vor den Eingängen und durften nicht rein. Mit so vielen Leuten immer eine leicht angespannte Situation – nur nicht bei diesem Cupfinale. Ruhig, scherzend und lachend – so verkrafteten die Sturmfans diese Umstände spielerisch, wenngleich der eine oder andere vielleicht schon gar nicht mehr so viel mitbekam. Wenig essen, viel trinken – schlechte Kombination, wenn Letzteres ausschließlich mithilfe alkoholischer Getränke passiert. Da kann es dann sein, dass so manch einer „etwas mehr Platz zum Stehen braucht“ und vielleicht auch etwas lauter redet, als es sonst der Fall ist. Als wir schließlich erfuhren, dass der Ankick nach hinten verlegt würde, war uns etwas leichter ums schwarz-weiße Herz und erst recht, als der Einlass dank der Intervention von Präsident Christian Jauk schließlich weitergehen konnte. Drinnen angekommen, konnte man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen – eine Kulisse, wie sie in Österreich sonst nicht gelingt. Nicht einmal, wenn 45.000 Leute das Happel-Oval im Rahmen eines Ländermatches füllen.

Kollege Christian Albrecht fand in seinem Spielbericht die passenden Worte: „Schiedsrichter Harald Lechner pfeift das Finale des ÖFB-Cups an und es ist nur mehr geil.“

Sturm spielte Salzburg phasenweise an die Wand, ließ ihnen kaum eine Chance und zeigte, dass der Titel in Graz einfach deutlich heißer ersehnt wurde als in der Mozartstadt – so erschien einem das Spiel in der Kurve zumindest. Dass auch der Gegner zu seinen Tormöglichkeiten kam, ging irgendwie unter. Sturm hätte jedenfalls genug Chancen gehabt, den Pokal schon nach nur 90 Minuten zu holen. Aber ganz ohne richtig große Dramatik geht es bei den Blackys eben nicht: Mit einem 0:0 ging es in die kurze Pause vor der Verlängerung. Noch einmal 30 Minuten – die wichtigsten 30 Minuten seit dem Frühjahr 2011.

Der Hi(gh/er)l(a/ä)nder

In der was-weiß-ich-wievielten Minute dann die Explosion! Marvin Potzmann haut einen Traumpass vorne rein, die gesamte Salzburger Defensive vergisst auf Stefan Hierländer und der Kärntner drischt den Ball ins Netz!

Aus dem Spielbericht:

UND DANN IST ES PASSIERT UND DAS GESAMTE STADION FLIPPT AUS, BENGALOS WERDEN GEZÜNDET, DAS STADION BEBT UND MAN MUSS WIEDER ANGST HABEN, DASS IRGENDETWAS HERUNTERBRICHT!!!!!!!!!!!!!! Potzmann, der ja eigentlich schon bei Rapid ist, bringt die Flanke und Hierländer, der ja eigentlich schon bei Rapid war, steht im Strafraum völlig blank und hält den Fuß hin! Stankovic ist chancenlos, der SK Sturm führt in Klagenfurt gegen das übermächtige Salzburg! Die Stimmung eskaliert völlig, das gesamte Stadion – bis auf ein paar Ahnungslose in Rot-Weiß – hüpft vor Ekstase!

Ende – Pokal ­– Titel! Der SK Sturm spielte den Rest der Nachspielzeit souverän fertig und ließ über 27.000 Fans jubeln und Teil der schwarz-weißen Geschichte werden.

„Es ist unglaublich, Gert Steinbäckers Steiermark hallt durch die Lautsprecher, aber egal, wie laut es abgespielt wird, die Grazer Fans sind um ein emotionales Vielfaches lauter! Die Serie der Salzburger Herrschaft ist gerissen, zum ersten Mal seit 2014 heißt ein nationaler Titelträger nicht RB Salzburg. Nein, der Pokalsieger 2017/2018 heißt SK STURM GRAZ! Es ist unfassbar, dieses Gefühl, dieses Erlebnis, kontinuierlich gute Arbeit über mehr als zwei Jahre wurden endlich auch in einen Titel umgemünzt! Aber was schreibe ich da, es ist scheißegal, diesen Spielbericht liest keine Sau und das ist auch gut so! Es wird nur mehr getanzt, gesungen, gefeiert!“

18. Mai 2018: Zulj ist Spieler der Saison

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Peter Zulj spielte 2017/18 eine absolut mustergültige Saison. Mit elf Assists und acht Toren in 33 Bundesliga-Spielen, unzähligen technischen Gustostückerln, viel Finesse und grenzenloser Spielfreude drückte er dem Spiel des SK Sturm seinen Stempel entscheidend auf. Dies überzeugte die Trainer der Liga, die ihn schließlich zum Spieler der Saison kürten – nachdem dieser Titel zuvor viermal nach Salzburg gewandert war. Bei der Wahl setzte er sich gegen Valon Berisha und Stefan Lainer durch. Der letzte Nicht-Salzburger vor ihm, der diesen Titel holte, war übrigens Philipp Hosiner (2012/13).

20. Mai 2018: Eine Legende geht

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Am 1. Juli 2002 tat ein junger in Leoben geborener Tormann das, was eigentlich unmöglich ist. Er wechselte vom GAK zum SK Sturm, wo er zunächst für die Amateure spielte. Für jemanden, der am 19.09. geboren wurde, ist der rote Stadtrivale allerdings irgendwie auch keine Option – deshalb lassen wir die (nur ganz leicht) rote Vergangenheit Christian Gratzeis bereitwillig unter den Tisch fallen. Ab 2003 schließlich war er Teil der Kampfmannschaft und gab 15 Jahre lang sein Bestes, rückte immer wieder in die zweite Reihe zurück, um dort als sicherer Rückhalt zu dienen. Gratzei ist eine schwarz-weiße Legende und diese wurde am 20. Mai 2018 beim Spiel des SK Sturm gegen den FC Admira Wacker Mödling verabschiedet. In der 83. Minute, beim Stand von 2:0, wurde er eingewechselt und stand schließlich ein letztes Mal im Tor („im Tor, im Tor und wir dahinter …“). Jeder seiner Ballkontakte wurde frenetisch gefeiert und am wichtigsten: Seinen Kasten hielt er ein weiteres Mal komplett sauber.

Das einer einer solchen Karriere lässt sich kaum in Worte fassen. Hörbar ergriffen antwortete er im Anschluss an das Spiel auf die Fragen der Journalisten:

Wie fühlst du dich?

Wie ist das, wenn man Szenenapplaus bei jeder Ballberührung bekommt?

Warst du nervöser als sonst?

Du sagst, ein Bubentraum geht zu Ende, kommt jetzt die Zeit des Erwachsenseins?

Beinahe abzusehen war, dass die SturmNetz-Leserinnen und Leser Gratzei nach dieser Partie mit einer rekordverdächtigen durchschnittlichen Benotung von 1,11 zum Man of The Match wählten. Kollege Kai Reinisch widmete ihm folgende Lobpreisung:

„Iniesta, Torres, Hofmann und Buffon, eine Reihe an Legenden und Kindheitshelden für viele Fußballfans, wurden am Wochenende verabschiedet. Als wäre der Abgang des letzten Kavaliers der alten Dame für das Fanherz des Autors nicht genug gewesen, musste auch noch einer seiner absoluten Lieblingsspieler abtreten. Die Rede ist selbstverständlich vom Mann im Tor, hinter dem wir alle bei unzähligen Spielen standen: Christian Gratzei. Mit seinen unglaublichen Paraden hatte er einen sehr hohen Anteil am Meistertitel, doch vor allem aufgrund seiner Persönlichkeit wird er vielen Fans in Erinnerung bleiben. Von einigen wurde der Leobener bereits abgeschrieben, doch auch im Spätherbst seiner Karriere wusste Gratzei zu überzeugen und sicherte in der Vorsaison viele wichtige Punkte. Möge er dem Verein lange erhalten bleiben, vor allem als Identifikationsfigur in einer Zeit, wo der Fußball viel zu schnelllebig geworden ist. Egal ob als Sturmbotschafter oder im Jugendbereich, Gratzei ist mit Sicherheit der Richtige, um die Werte des SK Sturm weiter zu transportieren. Danke an eine lebende Legende!“

31. Mai 2018: Tod einer Legende

Damir Grloci – eine Mütze war sein Markenzeichen, sein Herz das eines Entertainers – starb in der Nacht auf den 31. Mai 2018 im Alter von 80 Jahren. Nicht nur mit seinen spaktakulären Paraden wusste „Grlo“ als Tormann zu bestechen, sondern auch mit seinem ganz besonders feinen Humor. Von 1968 bis 1972 begeisterte er das Publikum des SK Sturm während der Spiele immer wieder mit seinen Späßen. Schneebälle ins Publikum zu werfen oder mit einer kleinen Maus auf dem Spielfeld zu spielen – das und Ähnliches traute er sich zum Gaudium seiner stets wachsenden Fan-Gemeinde. Mit diesen aufsehenerregenden Aktionen ließ er manchmal auch vergessen, was für ein guter Tormann er wirklich war. Kaum haltbare Bälle wehrte er immer wieder auf magische Weise ab und brachte so manchen Offensivspieler schon einmal zum Verzweifeln. Nach seinem Karriereende zog es den gebürtigen Slowenen nach Maribor, wo er seinen SK Sturm allerdings immer im Herzen behielt.

Leseempfehlung:

SturmNetz-Historiker Günter Kolb widmete Grloci zu seinem 80. Geburtstag ein besonders lesenswertes Porträt.

Juni 2018: Eine schmerzhafte Sommerpause

Wie schon zuvor erwähnt, zieht eine erfolgreiche Saison des SK Sturm immer wichtige Abgänge nach sich. Mit James Jeggo, Christian Schoissengeyr, Bright Edomwonyi (alle zur Austria), Deni Alar, Marvin Potzmann (beide zur Rapid), Christian Schulz (Karriereende) und Thorsten Röcher (FC Ingolstadt 04) verließen den SK Sturm beinahe drei Viertel einer bundesligatauglichen Startaufstellung – einer Startaufstellung die in Österreich wohl auch weit oben in der Tabelle mitspielen würde. Diese Verluste tun dem SK Sturm heute noch weh, denn der darauffolgende Herbst sollte den Sturm-Aficionados viel Leidensfähigkeit abverlangen. Einer der blieb, war Peter Zulj, dem in der Sommerpause bereits Wechsel in jede größere Liga Europas nachgesagt wurden. Sturms Top-Torschütze Deni Alar hingegen entschied sich für den Wechsel. Mit Saisonende packte er seine Koffer und und verließ die steirische Landeshauptstadt, um in Hütteldorf – der Ort, von dem er mangels Einsatzminuten schon einmal unbedingt weg wollte – zu reüssieren. Ob ihm das mit nur zwei Toren im Herbst und seinem Reservistendasein gelang? Immerhin könnte er nun im Sechzehntelfinale der UEFA Europa League auf der Bank sitzen. Die Wiener Austria oder „Sturm 2 aus Favoriten“, so witzelte man in der Steiermark, schlug sich trotz Einkaufstour an der Mur bisher unter den Erwartungen – nicht einmal „Nicht-mehr-so-Porno“ Matic vermochte den Veilchen so richtig auf die Sprünge helfen und James Jeggo sorgt zwar immer noch für den einen oder anderen Moment spielerischer Härte, kaum mehr allerdings für Verwertbares hinsichtlich der Spielergebnisse – ob er in Wien so viel glücklicher ist?

 

Bisherige Teile:

Der große SturmNetz-Jahresrückblick: Teil 1/4

 

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1 Kommentar

  1. Ennstaler sagt:

    Einfach super dieser Jahresrückblick in vier Teilen! Da steckt ganz viel Detailwissen drinnen, gut verpackt in einer spannenden und mitreißenden Darstellung, dazu immer ein paar Nebenbemerkungen zu Spielern, die glaubten, Sturm unbedingt verlassen zu müssen und die jetzt schon sehen, dass sie bei ihrem neuen Verein eher schlechter Durchschnitt sind.

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