Der FC Midtjylland – Faszinierend und beängstigend

Morgen gastiert Sturm Graz im Rahmen des dritten Vorbereitungsspieles zur kommenden Bundesliga-Saison am Sportplatz Wildon und trifft dort auf den FC Midtjylland. Nach dem serbischen Pokalsieger und dem slowenischen Meister misst man sich erneut gegen einen nationalen Titelträger, denn der FC wurde 2015 erstmals dänischer Landesmeister.

Ein dänisches Trio in Graz

Dänemark und Sturm Graz verbindet nicht sonderlich viel: In der langen Historie unseres Vereins trugen erst fünf Spieler mit dänischem Pass das schwarz-weiße Trikot. In den frühen 70er-Jahren sorgte allerdings ein nordisches Trio für echte Furore: Iver Schriver, Kurt Stendal und Kjeld Seneca. "Schuld" daran hatte der Hamburger Fußballlehrer und damalige Sturmtrainer Adolf Remy, der seine, schon aufgrund der geographischen Nähe, besten Verbindungen zum dänischen Fußball nutzte und die drei nach Graz lotste. Alle waren echte Verstärkungen.

Kurt Stendal blieb mit kleinen Unterbrechungen bis 1982 in Graz und erzielte 43 Bundesliga-, sowie 4 Europacuptore. Mittlerweile arbeitet er in seiner Heimat als Sportjournalist.
Iver Schriver blieb drei Spielzeiten und schaffte es von Graz aus überdies in das dänische Nationalteam.
Kjeld Seneca absolvierte ebenfalls drei Saisonen, ehe er 1975 zum regierenden Landespokalsieger Bayern München wechselte. Über das Ablösespiel gegen die Bayern in  Liebenau, in dem Sturm vor 20.000 Zusehern als 6:5–Sieger vom Platz ging, schwärmen ältere Sturmknofel noch heute.

Neben diesem Trio scheinen nur noch Johnny Hansen (1985-1987) und Sigurd Kristensen (1990-1992) in der ewigen Spielerstatistik von Sturm Graz auf. Die zwei waren Publikumslieblinge, sportlich aber keine wirkliche Bereicherung und mit beiden wurde nach Vertragsende nicht mehr verlängert.

In Europa noch ein weißer Fleck

Nimmt man die Top-25-Nationen der aktuellen UEFA-Fünfjahreswertung, so gibt es für den Sportklub Sturm nur noch vier gänzlich unerforschte Gebiete, sprich Nationalverbände aus denen noch nie ein Verein in der Geschichte des Europapokals den Steirern zugelost wurde: Portugal, Polen, Serbien und eben Dänemark.

Der General als Goalgetter

1988 allerdings, traf man im Intertoto-Cup (später UI-Cup, heute gänzlich verschwunden) auf Ikast IF. Auswärts verlor Sturm mit 1:4, beim Rückspiel in Stainach vor 1.200 Zusehern gelingt ein 1:1-Unentschieden. Den Treffer für Sturm erzielte übrigens ein blutjunger Stürmer mit blonder Lockenpracht: Gerhard Goldbrich.

Ikast gewinnt die Gruppe souverän vor den Blackies, dahinter folgen in der Endtabelle die beiden israelischen Vertreter Beitar Jerusalem und Shimshov Tel Aviv. Durch diesen Gruppensieg qualifizieren sich die Dänen für die erste Runde im UEFA-Pokal. Dort ist allerdings gleich in Runde eins Endstation, denn man scheidet gegen die Vienna aufgrund der Auswärtstorregel aus.

Aus zwei kleinen Clubs entsteht was Großes

Was diese Spiele im Intertoto-Cup mit dem morgigen Gegner FC Midtjylland zu tun haben ist schnell erklärt: 1999, nach 17 Jahren durchgehend in der ersten Liga, schließt sich eben jener Ikast FS mit dem Drittligisten Herning Fremad (traditonell verfeindete Vereine die beide zu diesem Zeitpunkt nicht mehr wirtschaftlich überlebensfähig sind) zusammen und nennt sich fortan FC Midtjylland. In Dänemark ein sehr beliebtes Konzept um kleinen Vereinen eine bessere wirtschaftliche und sportliche Ausgangsposition zu verschaffen. Ähnliches gilt auch für den FC Vestsjaelland und für den FC Kopenhagen. Da allerdings das Stadion von Herning Fremad (die Stadt Herning hat 48.000 Einwohner, Ikast nur 15.000) als Heimspielstätte auserkoren wird, gibt es in Ikast ab diesem Zeitpunkt keinen Erstligafußball mehr. Zwar blieben die Jugendabteilungen beider Vereine selbstständig, Ikast FS schaffte so auch wieder den Sprung in die zweite Liga, ein Aufstieg in die Superliga ist allerdings nicht möglich. Ähnlich wie das Paradoxum Liefering, darf FS nicht aufsteigen, da es als zweite Mannschaft des FC Midtjylland gilt.

MCH Arena Herning (Foto: Wikimedia Commons)

MCH Arena Herning
(Foto: Wikimedia Commons)

Die Nachwuchsförderung als oberstes Gebot

Doch der Erfolg spricht für diese Fusion: Bereits 1999 steigt die Spielgemeinschaft in die höchste Spielklasse auf, vor allem aber gründet man ein Jahr darauf eine Nachwuchsakademie, die erste in Dänemark überhaupt. 2004 erfolgt zudem der Spatenstich für eine Fußballschule in Nigeria. Diese Maßnahmen zeigen schnell Wirkung, im letzten Jahrzehnt hat kein dänischer Verein soviele Profis ausgebildet wie der FC Midtjylland. Die Jütländer stehen seitdem für hervorragende Nachwuchsarbeit und leben von millionenschweren Spielerverkäufen. Exemplarisch seien hier nur die Transfers von Winston Reid (der Maori-Neuseeländer wechselte für 4,2 Millionen zu Westham), Simon Kjaer (für ihn gab es 4 Millionen vom US Palermo) oder Simon Poulsen (ging für 3,6 Millionen zum AZ Alkmaar) genannt. Aber auch sportlich läuft es mehr als zufriedenstellend: 2003 und 2005 steht man bereits im dänischen Pokalfinale, 2007 und 2008 wird man Vizemeister, 2010 und 2011 unterliegt man erneut erst im Finale des dänischen Cupberwerbs.

Moneyball und Wahrscheinlichkeiten

Das Jahr 2014 bedeutete aber einen Wendepunkt in der ohnehin schon erfolgreichen Vereinshistorie: Der 31-jährige Rasmus Anksersen, in der Jugend selbst aktiver Spieler in Herning, einst Trader am Finanzmarkt, Berater von Firmen wie Lego oder Ikea mit Wohnsitz in London, trifft dort auf Matthew Benham, den Besitzer des englischen Zweitligisten FC Brentford. Für den Engländer ist Fussball nichts anders als die Summe von mathematisch-statistischen Berechnungen. So ist er einst im Wettgeschäft reich geworden und so will er auch als Vereinspräsident für sportliche Furore sorgen. Als er Ankersen gegenüber die Wahrscheinlichkeit eines Aufstiegs von Brentford mit 43,2% beziffert, ist der Däne fasziniert.

Als Benham dann erwähnt, dass er auch einen Verein am Kontinent besitzen will, lässt der Däne seine alten Kontakte in die Heimat spielen und bereits im Juli 2014 übernimmt der Engländer nun auch den FC Midtjylland. Benham erwirbt eine 3/4 Anteilsmehrheit am Klub und installiert als ersten Akt Rasmus Ankersen als Vereinsboss.

Dank Statistik zum Ligachamp

Von nun an gelten die "Wölfe" (Spitzname des Vereins, obwohl es in Jütland seit 200 Jahre keine Wölfe mehr gibt, früher waren diese dort aber tatsächlich stark verbreitet.) als das aufregendste Experiment im europäischen Fußball. Trainer Glenn Riddersholm, seit 20 Jahren beim Klub und ein Vertreter von Werten wie Kampf, Leidenschaft und Ehre, muss sich von nun an neu positionieren. Beispielsweise bekommt er bei jedem Spiel in der Halbzeitpause Tabellen, Auswertungen und Statistiken direkt aus der Hauptzentrale in London auf sein Handy geschickt. Mit teilweise skurilen Berechnungen in denen ein Punkt am Spielfeld eingezeichnet ist, von wo aus in der zweiten Halbzeit am ehesten ein Tor erzielt werden kann. Manchmal auch nur mit komplett simplen Botschaften, etwa dass nach einer 1:0-Führung noch offensiver gespielt werden muss, da die Wahrscheinlichkeit verdeutlicht, dass eine Mannschaft mit viel Ballbesitz statistisch seltener Gegentreffer hinnehmen muss. Klingt logisch, nur in Herning hält man sich auch kategorisch daran. Anfangs ist der Trainer skeptisch, doch die Erfolge in der dänischen Liga, aber auch die Erfolge des FC Brentford auf der Insel, geben Benham Recht. Zudem schießt kein Verein mehr Tore aus Standards als die Wölfe. Im Schnitt gelang in jedem Bewerbsspiel der Saison 2014/2015 aus solchen Spielsituationen ein Tor. Diese werden beim FC in jedem Training bis zum Erbrechen einstudiert.

Der Beginn einer Revolution?

Kam der Meistertitel, der bereits drei Spieltage vor Schluss feststand, für die Fans des FC Midtjylland überraschend, so soll dies laut den beiden Vereinsbossen erst der Beginn einer echten Revolution sein. Man bekennt sich offen "völlig aufgeregt" zu sein. Durch den Meistertitel zieht man in die zweite Runde der Champions-League-Qualifikation ein. Dies sollte allerdings noch lange nicht das Ende der Fahnenstange sein. Man will weitere, größere Erfolge – und dies vor allem durch Statistiken, Analysen und Wahrscheinlickeitsrechnungen.

No-Names und ein österreichischer Torschützenkönig

Doch auch euoropäisch bleibt man in Dänemark der eigenen Linie treu. Erfolge sollen weiterhin mit No-Names am Spielersektor, indem sich wahrhaftig keinerlei bekannten oder bei größeren Vereinen wegrationalisierte Spieler befinden, gelingen.  Aus österreichischer Sicht sind allerdings zwei Akteure des FC Midtjylland sehr wohl ein Begriff:

CC by-sa Steindy (Wikimedia Commons)

Daniel Royer
(CC by-sa Steindy Wikimedia Commons)

Zum Einem, Martin Pusic, der einst aus der zweiten österreichischen Liga zum FC Hull nach England wechselte und über die Umwege Valerenga Oslo, Fredrikstad, SK Brann und Esjberg den Weg ins Jütland fand. Dort kam er schon nach nicht einmal vier Monaten zu Meisterehren und wurde zudem mit 17 Treffern (neun Treffer erzielte er dabei noch für Esjberg) auch Torschützenkönig in der Superliga. Der tiefgläubige Wiener, der sowohl die kroatische als auch die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt und dank seiner Eltern auch für die bosnische Auswahl spielberechtigt wäre, soll Garant für das Erreichen der Königsklasse sein. Zum anderem, haben Benham und Ankersen vermutlich auch Daniel Royer statistisch-analytisch erfasst. Der Schladminger, der bis 2008 für die Sturm-Amateure spielte, wechselte im Sommer von der Wiener Austria zu den Wölfen.

Wildon kann sich freuen

Da in Dänemark die Saison sogar noch eine Woche früher startet als in Österreich, darf man eine bereits gut eingespielte Mannschaft des FC Midtjylland erwarten. Vermutlich werden sich die Jütländer als bislang härtester Brocken in der laufenden Saisonvorbereitung des SK Sturm erweisen. Die Zuseher in Wildon können sich auf alle Fälle auf einen fußballerischen Leckerbissen freuen, zumal die Ergebnisse und die Art und Weise wie Sturm bislang in den Vorbereitungsspielen aufgetreten ist, einiges verspricht. Interessant wäre es zu wissen, inwieweit die Grazer Spieler in den Statistiken der dänischen Vereinsbosse erfasst sind. 

 

Spieldaten
SK Sturm Graz – FC Midtjylland
Samstag, 01.07.2015, 18:00 Uhr, Stadion Wildon

Mögliche Aufstellung
Sturm Graz (4-2-3-1)
Esser; Potzmann, Spendlhofer, Schoissengeyr, Klem; Piesinger, Müller; Schick, Avdijaj, Dobras; Tadic
 
Ersatz
Schützenauer, Gratzei; Ehrenreich, Sharifi, Madl, Offenbacher, Schloffer, Schmerböck, Lovric, Klaric, Edomwonyi, Kienast
 
Es fehlen
Stankovic (Kreuzbandriss), Rosenberger (Kreuzbandriss), Schnaderbeck (Hüftprobleme), Horvath (U19 EM)

Fraglich
Gruber, Hadzic, Kamavuaka (alle 3 möglicherweise noch Trainingsrückstand)  

Live-Ticker
Es wird einen SturmNetz.at Live-Ticker geben

 

1 Kommentar

  1. Neukirchner sagt:

    Eher faszinierend! Da scheint tatsächlich was Großes zu entstehen!

    1+

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