Der FC Gazprom zu Gast in Ilz

Spielvorschau gegen Zenit St. Petersburg

Wer mit dem Produkt Red Bull Salzburg/Leipzig nicht viel anfangen kann, dem wird bei näherer Betrachtung des morgigen Sturm Graz Testspielgegners Zenit St. Petersburg (Sportarena Ilz, 17 Uhr) klar, dass Kommerz noch ein paar Stufen krasser ausfallen kann. Im Vergleich zu den Machenschaften rund um Zenit ist die Sponsortätigkeit des Brauseunternehmens fast so etwas wie ein Kindergeburtstag.

Russland ist ja schon längere Zeit der Inbegriff von Fußballvereinen, die vordergründig nur mehr als Spielwiese von Mäzenen und Oligarchen dienlich erscheinen. Nach der Reihe werden Traditionsvereine von Neo-Milliardären aufgekauft, der sportliche Aspekt steht längst schon nicht mehr an erster Stelle. In dieser Hinsicht unangefochtener Spitzenreiter ist Zenit St. Petersburg. Ein Verein, in dem die Verflechtungen von Politik, Wirtschaft und Sport kaum noch offensichtlicher sein könnten.

Gazprom krallt sich Zenit

Mit dem Einstieg des Erdgas-Riesen Gazprom, einem staatlichen Unternehmen mit äußerst fragwürdigen Geschäftsmethoden, im Jahr 2006, hält das Unternehmen die Mehrheit an Zenit. Wie wenig es sich hierbei noch um einen Fußballverein im klassischen Sinne handelt, erkennt man an der Tatsache, dass ohne den Kreml nichts bei Grazprom läuft und ohne Gazprom nichts bei Zenit. Durch ihr fußballerisches Mäzenatentum wird versucht, von den Machenschaften des Weltkonzerns abzulenken und auch Politiker nutzen den Fußball als Imagepflege. So bekennt sich beispielsweise Wladimir Wladimirowitsch Putin, eigentlich ja Eishockey-Liebhaber und ehemaliger Judoka, zu Zenit. Auch Ministerpräsident Medwedjew zählt zu der Vielzahl angeblicher Sympathisanten des Vereins aus Politik und Wirtschaft.

Das Erdgasunternehmen, ein Konzern mit insgesamt 400.000 Mitarbeitern, von dem halb Europa abhängig ist und das Nachbarländern wie beispielsweise der Ukraine und Georgien bei aufkommenden Grenzkonflikten immer wieder damit droht, im Winter den Gashahn abzudrehen, kontrolliert in Russland alle wichtigen TV-Sender und viele Zeitungsredaktionen. Einige führende Mitarbeiter wurden in kürzester Zeit zu Multimillionären, andere verschwinden unter zumeist dubiosen Umständen für immer. In Russland findet man kaum noch Journalisten, die sich kritisch über den Erdgas-Riesen äußern wollen.

Stadionneubau – eine unendliche Geschichte

Gut ins Bild passt in diesem Zusammenhang auch der Bau des neuen Fußballstadions in St. Petersburg, der (selbstredend) Gazprom-Arena. Beim Spatenstich 2006 wurden die Kosten auf 185 Millionen Euro geschätzt. Aktuell liegen sie bei über 900 Millionen und es ist noch kein Ende in Sicht, denn die Baufristen wurden bislang 19 Mal verschoben. Schwer zu schaffen machte den Bauherren Russlands Zuschlag, die WM 2018 austragen zu dürfen. Die Mindestkapazität musste somit auf 60.000 Plätze erhöht werden. Ein Umstand, der die Verantwortlichen dermaßen überraschte, dass nach dem FIFA-Entscheid alle Tätigkeiten für ein halbes Jahr eingestellt wurden. In die Errichtung und Sanierung aller WM-Stadien anlässlich der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland wurden im Vergleich 1,4 Milliarden investiert. Wenn 2018 in St. Petersburg drei Vorrundenspiele und ein Halbfinale ausgetragen werden, werden diese in der teuersten Fußballarena aller Zeiten stattfinden.

Das Gegenargument, dass ein Unternehmen letztlich mit seinem Geld machen kann was es will, hält in diesem Fall nicht stand. Die erhöhten Kosten werden durch Lohndumping der Arbeiter und Angestellten einerseits und der Erhöhung des Gaspreises (vor allem im osteuropäischen Raum hat sich das Unternehmen beinahe eine Monopolstellung erkämpft) anderseits, wieder ausgeglichen. Dass der vermeintliche Klub der Arbeiterklasse, der Verein aus dem Kohlenpott, Schalke 04 sich ebenfalls Gazprom als Geldgeber geangelt hat, erscheint beinahe wie ein Treppenwitz der Geschichte. Zudem fördert der Erdgas-Riese noch Partizan Belgrad, ist der offizielle "Energiepartner" des FC Chelsea und einer der Top-Sponsoren der UEFA-Champions-League.

Sanktionen durch die UEFA

Auch mit dem Financial-Fairplay, ein von der UEFA eingeführtes Klublizenzierungsverfahren, welches darauf abzielt, die steigende Verschuldung der europäischen Fußballklubs aufzuhalten, nimmt man es bei Zenit nicht allzu genau. Prompt wurden den Russen gleich mehrere Strafen auferlegt: 2013 eine Geldstrafe in der Höhe von 12 Millionen Euro, des Weiteren dürfen die Gehaltskosten in den beiden kommenden Spielzeiten nicht jene des Vorjahres übersteigen und der Kader muss von 25 auf 22 Profis abgespeckt werden. Inwieweit sich Zenit St. Petersburg daran halten wird, bleibt abzuwarten. Derzeit entspricht der Transferwert des aktuellen Kaders immer noch dem Fünffachen von Sturm. In diesem Ranking liegt Zenit beispielsweise auch vor dem AC Milan. 14 hochbezahlte Legionäre tummeln sich derzeit bei Zenit.

Auswärtsspiel zuhause

Wie käuflich der Fußball in Russland gegenwärtig ist, zeigt sich exemplarisch am folgenden Beispiel: Um die diesjährige Meisterfeier in St. Petersburg abhalten zu können, erkaufte sich Zenit für das vermeintlich entscheidende Auswärtsspiel gegen den zu diesem Zeitpunkt noch abstiegsgefährdeten FK Ufa (1.600km von St. Petersburg entfernt) das Heimrecht. So fand dieses Spiel offiziell auf neutralem Boden statt, im Petrowski Stadion von St. Petersburg.

Probleme mit dem Anhang

Auch durch diverse Ultragruppierungen in der Stadt, die bis 1991 Leningrad hieß, wird die an sich schönste Nebensache des Öfteren zu einem hässlichen Schauspiel. Bis heute stand noch nie ein afrikanischer Spieler in den Reihen von Zenit und man bekennt sich ganz offen zu rassistischen Grundgedanken. So werden immer noch gegnerische, dunkelhäutige Spieler mit Affenlauten verhöhnt und homophobe Fangesänge sind beinahe Normalität. Da Fußball vor allem in St. Petersburg ein Breitensport ist, der Anhänger aus allen sozialen Schichten der Stadt hat, gibt dieser Umstand doch zu denken. Kennt man die Ideologie von Präsident Putin zu diesem Thema, erscheint es nicht überraschend, dass auch von Klubseite wenig bis gar nicht gegen dieses Gedankengut vorgegangen wird. In Österreich musste bislang nur Austria Wien Erfahrung mit diesen Anhängern machen. Im Champions-League-Spiel 2013 (als Cheerleader getarnte Aktivistinnen der Umweltschutzorganisation Greenpeace hatten zudem vor dem Spiel Plakate mit der Aufschrift "Gazprom don't foul the arctic" entrollt) wurde unter anderem ein rassistischer Banner geschwenkt und Knallkörper in Richtung von Austria-Anhängern im angrenzenden Sektoren im Ernst-Happel-Stadion geworfen. Das alles führte zu einer mehrminütigen Spielunterbrechung.

In der Sowjetunion mäßig erfolgreich

Vor der Gazprom-Ära war Zenit noch ein durchschnittlich erfolgreicher Verein. 1925 gegründet, gelang bereits 1938 der Aufstieg in die höchste sowjetische Fußballiga, erst 1980 schaffte man erstmals den Einzug in den UEFA-Pokal und 1984 feierte man den ersten und einzigen Meistertitel in der Sowjetunion. Nach dem Zerfall des Vielvölkerstaates war Zenit auch Gründungsmitglied der russischen Fußballliga. Den ersten nationalen Titel holte man sich allerdings erst 2007, bereits nach dem Einstieg von Gazprom. Somit war Zenit auch der erste russische Fußballmeister der nicht in Moskau beheimatet war. 2010, 2012 und heuer konnte dieser Erfolg wiederholt werden. Den größten Coup landete Zenit allerdings, als man 2008 im Uefa-Cup-Finale gegen die Glasgow Rangers in Manchester mit 2:0 gewann. Im Halbfinale davor hat man im Übrigen die Bayern mit einem 5:1-Gesamtscore aus dem Bewerb geschossen.

 

Informationen zum Kader von Sturm

Wie wir berichteten, ist Christian Gratzei vom Trainingslager wegen hohen Fiebers abgereist. Für ihn ist der junge Fabian Ehmann nachgereist und darf im Trainingslager mit den "Großen" mittrainieren. Zu einem Testspieleinsatz wird es zumindest gegen Zenit vermutlich nicht kommen. Zusätzlich wird auch Naim Sharifi nicht zum Einsatz kommen, denn er leidet unter muskulären Problemen. Anel Hadzic hat sich das Knie verdreht und Daniel Offenbacher hat Adduktoren-Probleme. Sascha Horvath befindet sich in Griechenland bei der U19-EM.

Weiters erhalten aber zwei neue Testkandidaten die Chance sich zu beweisen. Für die Außenverteidigerposition testet Sturm den Deutschen Julian Grupp, sowie Milad Mohammadi, der erst im Juni im iranischen Nationalteam debütierte.

 

Spieldaten
SK Sturm Graz – Zenit St. Petersburg
Samstag, 05.07.2015, 17:00 Uhr, Stadion Ilz

Mögliche Aufstellung
Sturm Graz (4-2-3-1)
Esser; Potzmann, Spendlhofer, Kamavuaka, Grupp; Lovric, Piesinger; Schick, Avdijaj, Gruber; Tadic

Ersatz
Schützenauer; Ehrenreich, Madl, Klem, Schloffer, Schmerböck, Klaric, Edomwonyi, Dobras, Kienast, Mohammadi

Es fehlen
Stankovic (Kreuzbandriss), Rosenberger (Kreuzbandriss), Gratzei (Fieber), Sharifi (mukuläre Probleme)

Fraglich
Schnaderbeck (Hüftprobleme), Hadzic (Knieprobleme), Offenbacher (Adduktoren-Probleme)

Live-Ticker
Es wird einen SturmNetz.at Live-Ticker geben

 

3 Kommentare

  1. Kai Reinisch Kai Re sagt:

    Super Artikel, nur ist ein kleiner Tippfehler passiert beim Absatz: Auswärtsspiel zu Hause, der Verein heißt FK UFA
    LG

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  2. Neukirchner sagt:

    Immerhin durften sie sich, im Gegensatz zu den Salzburgern, ihren Namen und Ihre Vereinsfarben behalten. Das wars dann aber auch schon mit den positiven Aspekten im wunderschönen St.Petersburg.

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