Der bislang einzige Isländer im Sturm-Trikot

Was wurde aus Ragnar Margeirsson

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Island im Fußball als echter Exot galt. Zwar war das 330.000-Einwohner-Land von je her dafür bekannt, großartige Handballer zu haben. Und es bedurfte auch eines Sportlers vom zweitgrößten Inselstaat Europas, den ehemaligen Handballzwerg Österreich an die europäische Spitze zu führen: Dagur Sigurðsson, der 2003 noch als Spieler nach Bregenz ging, gilt als Vater dieses Wunders. So kam es wenig überraschend, dass es für den österreichischen Verband, nachdem Sigurðsson dem Anwerben unseres großen Bruders nicht länger zu widerstehen vermocht hatte und zum deutschen Nationalteam gewechselt war, es wieder ein Mann von der Insel als Trainer sein musste. Patrekur Jóhannesson, Islands Handballer des Jahres 1995, heißt der gute Mann. Und auch er liefert bislang fantastische Arbeit auf der österreichischen Betreuerbank ab. Aber Island und Fußball? Nun ja, wir wissen zu gut, wie die diesjährige Europameisterschaft in Frankreich verlaufen ist. 

In der langen Statistik im Fußballeuropapokal ist einem österreichischen Verein bislang erst viermal ein isländischer Vertreter zugelost worden. Drei Begegnungen verliefen noch ziemlich standesgemäß: 1985 setzte sich Rapid Wien im Achtelfinale im Cupsiegerbewerb gegen Fram Reykjavik durch, 2003 der FC Kärnten im UEFA-Cup gegen UMF Grindavik und 2013 Austria Wien – schon sehr knapp aber doch – in der Champions League-Qualifikation gegen FH Hafnarfjördur. Doch wie wir leidvoll wissen, gab es in dieser Spielzeit noch ein austro-isländisches Duell auf europäischer Ebene: Nachdem es für Sturm Graz gegen Breidablik FC auswärts nur zu einem enttäuschendes 0:0 gereicht hatte, blamierte sich die Milanic-Elf beim Heimspiel dann vollends, verlor durch einen Treffer von Ellert Hreinsson mit 0:1 und verabschiedete sich damit in der zweiten Runde der Europa-League-Qualifikation aus dem internationalen Geschäft.

Auch das österreichische Nationalteam traf bislang erst viermal auf Island. Die Niederlage bei der Europameisterschaft 2016 war auch die einzige bislang, 2014 gab es bei einem Freundschaftsspiel in Innsbruck zudem ein 1:1. Die ersten beiden Begegnungen fanden im Jahr 1989 statt: Das Hinspiel im Rahmen der WM-Qualifikation fand am 14. Juni 1989 in Reykjavik statt, welches aus österreichischer Sicht mit einem schmeichelhaften 0:0 endete. Der damals 34-jährige Herbert Prohaska schnürte – nach insgesamt 84 Länderspielen –  letztmals seine Fußballschuhe. Für Sturmknofel viel interessanter jedoch war das Rückspiel in Salzburg-Lehen. 16.000 Zuschauer waren am 23. August 1989 gekommen und nachdem Placido Domingo den Ehrenanstoß vorgenommen hatte, erzielte Teamdebütant und Local Hero Heimo Pfeifenberger in der 49. Minute das 1:0. Den Isländern gelang bereits eine Minute später der Ausgleich, doch Manfred Zsak sorgte mit einem Weitschusskracher in der 60. Minute für den 2:1-Endstand. Dieser Erfolg sollte ein wesentlicher Baustein für die erfolgreiche Qualifikation für die Fußballweltmeisterschaft 1990 in Italien sein. Aber was hat das eigentlich mit Sturm zu tun?

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Die Verletzung von Harald Krämer (rechts) machte die Verpflichtung des ersten und bislang einzigen Isländers im Sturmtrikot erst notwendig. (links zu sehen Dietmar Kühbauer, Admira) (c) Johann Dietrich

Ganz einfach: Eine Woche vorher war Sturm im Heimspiel gegen Austria Salzburg nicht über ein 0:0 hinausgekommen, nach sieben Runden lag man nur auf dem achten Tabellenplatz und sieben erzielte Tore sprachen nicht gerade für die Effizienz der schwarz-weißen Stürmer. Zudem verletzte sich der Deutsche Harald Krämer schwer und nun war Feuer am Dach. Sportdirektor Kjeld Seneca und Kassier Charly Temmel suchten eifrigst nach leistbarem Ersatz, die Dänen Miklos Molnar und Sören Lyng waren Thema, erhielten aber keine Freigabe. Auch Hannes Abfalterer und Andi Ogris gaben Sturm einen Korb, doch beim besagten Länderspiel in Salzburg sticht den beiden Sturm-Verantwortlichen der Torschütze zu Islands 1:1-Ausgleichstreffer, Ragnar Margeirsson, ins Auge.

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(c) SturmNetz

Der isländische Stürmer ist zwar erst 27 Jahre alt, hat aber schon so einige Vereine in seiner Vita: Mit 18 verließ er bereits seinen Heimatverein IB Keflavik, um beim damaligen deutschen Zweitligisten FC Homburg anzuheuern. Es folgten diverse Engagements bei belgischen Klubs (KAA Gent, Cercle Brugge, Thor Waterschei), zum Zeitpunkt, als das Interesse von Sturm aufkommt, spielt er aber gerade wieder – nachdem er auch für kurze Zeit bei 1860 München tätig war – in seiner Heimat bei Fram Rekjavik. Margeirsson verhandelt mit Seneca, man einigt sich auf ein Leihgeschäft, vorerst bis Ende des Jahres.

 

Der damalige Kassier und spätere Sturm-Präsident Charly Temmel erinnert sich an diesen Transfer so:

„Wir hatten Handlungsbedarf auf dem Stürmersektor. Und natürlich, ein Spieler, der gerade ein Tor in einem Länderspiel gegen Österreich erzielt hat, ließ sich gegenüber der Presse und den Fans gut verkaufen.“ – Charly Temmel

Anfang Oktober ist der Deal unter Dach und Fach. Margeirsson spricht aus seiner Zeit in Homburg noch ein wenig Deutsch und hat keine Probleme, sich in Graz einzuleben. Bereits nach einer Woche debütiert er beim Heimspiel gegen den FC Tirol. Dem aus der Not heraus geborenen Sturmtrio Margeirsson – Wetl – Koschak gelingt zwar kein Tor, immerhin erreicht man aber gegen die Innsbrucker ein respektables 0:0. Drei Tage später aber kommt es zu einem Stadtderby, an welches sich noch bis heute viele erinnern: Sturm schlägt den GAK in Liebenau vor 12.500 Besuchern mit 4:0, die argentinische Zaubermaus Jorge Diaz erzielt einen Hattrick, der Isländer geht allerdings leer aus. Es sollte der einzige Sieg für Margeirsson im Sturmdress bleiben. In den folgenden drei Partien gelingt in den Heimspielen gegen den Kremser SC und gegen die Vienna je nur ein Unentschieden, das Auswärtsspiel gegen die Austria geht verloren. Im Horrstadion erzielt der Isländer immerhin den Anschlusstreffer zum 1:2, sein einziges Tor im Sturmtrikot.

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Margeirsson im Luftduell mit Ewald Jenisch von der Vienna, links Thomas Niederstrasser, rechts Harald Holzer und Kurt Russ (c) Johann Dietrich

Mittlerweile allerdings hatte sich Harald Krämer wieder fit gemeldet und am Isländer besteht kein Bedarf mehr. Rasch entschließen sich die Vereinsverantwortlichen, die vorhandene Option für Margeirsson nicht zu ziehen. In der letzten Runde des Grunddurchganges, einen Monat nach der 1:2-Niederlage im Horrstadion, darf der Offensivspieler noch einmal 90 Minuten ran. Der Isländer wäre gerne bei Sturm geblieben, weiß zu diesem Zeitpunkt aber schon über die Nichtverlängerung seines Leihvertrages Bescheid. Gegen Rapid verliert man 0:3. Zwar hatte sich Margeirsson in Graz sehr wohl gefühlt, bereits eine Wohnung in Puntigam bezogen, sich mit einer Steirerin liiert, doch sportlich lief es in diesem Zeitraum nicht rund genug.

„Ragnar war menschlich schwer in Ordnung. Sportlich konnte er uns allerdings nicht überzeugen. Darum mussten wir ihm mitteilen, dass wir die Option nicht ziehen werden und den Leihvertrag auslaufen lassen. Trotzdem muss man sagen, dass der Isländer damals für uns sehr wichtig war und uns in einer schwierigen Situation weitergeholfen hat.“ – Charly Temmel

Ragnar Margeirsson kehrte zurück in seine Heimat, war noch sechs Jahre für KR Reykjavik und seinem Heimatverein Keflavik tätig und beendete mit 33 Jahren seine Fußballkarriere. 11 Jahre nach seinem Teamdebüt bestritt er 1992 das letzte seiner 45 Länderspiele in der WM-Qualifikation gegen Russland. 2002 stirbt der ehemalige Sturmspieler, völlig überraschend und erst 39 jährig,  in seiner Heimatstadt.

„Es ist sehr schade, dass man so viele Spieler, die für Sturm gespielt haben, irgendwann fast vergisst. An die Großen kann man sich zwar erinnern, viele verliert man aus dem Gedächtnis, selbst wenn man, wie ich, lange Zeit für einen Verein tätig war.“ – Charly Temmel

(c) Keflavík ÍF

Traditionelles Margeirsson-Gedenkturnier in Keflavik (c) Keflavík ÍF

Kjeld Seneca, in den 70ern dänischer Legionär, einst auch bei Bayern München tätig und zum Zeitpunkt der Leihe von Margeirsson verantwortlich für die Kaderpolitik bei Sturm, erinnert sich an den Isländer folgendermaßen:

Ragnar war ein großer, schneller Offensivspieler. Wir haben in Linz mit seinem Manager verhandelt und man muss sagen, dass wir mit dieser Leihe kein Risiko eingegangen sind. Selbst für damalige Sturmverhältnisse war er eine sehr preiswerte Option. Ich kann mich noch gut erinnern, dass die Kleine Zeitung mit ihm am Schlossberg ein Foto-Shooting gemacht und getitelt hat: „Der Wikinger ist da!“ Damals war ja jeder neue Spieler ein großes Ding. Nicht wie heute, wo Spieler ständig kommen und gehen. Leider hat er uns in diesem kurzen Zeitraum nicht überzeugt und durch die Genesung von Krämer – damals waren ja nur drei Legionäre spielberechtigt – blieb ihm auch wenig Zeit dafür.

Leider ist über Margeirsson ansonsten sehr wenig bekannt. Die Gründe seines Ablebens sind nicht eruierbar. Sein Stammverein in Keflavik hält noch alljährlich ein Gedenkturnier für Ragnar ab. Auf YouTube gibt es zudem ein kurzes Video mit Szenen aus Margeirssons Zeit als Fußballer in Island. In der Statistik des österreichischen Fußballs wird er neben Arnor Ingvi Traustason, Gudmundur Thorfason, Helgi Kolvidsson, Andri Sigthorsson, Gardar Gunnlaugsson und Hannes Sigurdsson als einer der bislang sieben Isländer geführt, dem es gelang, in der Bundesliga ein Tor zu erzielen.

 

Vielen Dank für das Mitwirken an Charly Temmel, Kjeld Seneca und Sturm-Historiker Reinhold Gruber!

Bisher in dieser Reihe erschienen:

Teil 1: Johannes Focher | Teil 2: Nikola Vujadinovic | Teil 3: Haris Bukva | Teil 4: Hannes Reinmayr | Teil 5: Jan-Pieter Martens | Teil 6: Herbert Grassler | Teil 7: Sergej Yuran | Teil 8: Ranko Popovic

 

2 Kommentare

  1. Melvinuss sagt:

    …dachte mir auf die Schnelle, dass Sigurd Kristensen auch ein Isländer war. Ist aber ein Däne 🙂

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  2. Arch Stanton sagt:

    Das Gedenkturnier in Keflavik (vermutlich das isländische Köflach..) wär doch einen Ausflug wert – und das nicht nur für Hardcorefans, sondern auch für Freunde der einen oder anderen kulinarischen Entgleisung a la Hakarl.

    Die Raggaleiberl jedenfalls sind schmuck und der Artikel voll von Information, die man zwar nicht braucht aber trotzdem haben muss.

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