Das kurze Hoch und das lange Tief

SSV Ulm 1846 Fußball

Wenn man die weniger ruhmreichen Teile der Geschichte des Wiener Sportclub mit dem GAK vermengt, und diese Mischung dann nach Baden-Württemberg verpflanzt, dann erhält man dabei neben sehr viel Kopfweh und fragenden Blicken auch noch einen Verein heraus, der mal kurz ganz oben war, und jetzt wieder weit unten drin steht. 

Grundsätzlich kommt es ja eher nicht so häufig vor, dass man aus der Mythologie einer Stadt Ableitungen auf die Entwicklungen des dortigen modernen Fußballs treffen könnte. Doch jede Regel hat eine Ausnahme, und Ulm, gelegen direkt auf der Baden-Württembergischen Seite der Donau, stellt so eine dar. Als man das bekannte Ulmer Münster erbaute, so wollten die Ulmer einen besonders großen Holzbalken durch das Stadttor bringen. Das Stadttor war zu schmal für den Balken (Torbogen und querliegendes Holz, wenig überraschend), und so wurden bereits Pläne gefasst, das Tor einzureißen, ehe die Eingebung doch noch kam. Die Ulmer beobachteten einen Spatz, der mit einen Strohhalm im Schnabel ebenso nicht durch das Tor kam, und den Strohhalm daraufhin einfach längs nahm. An diesem klugen Vogel nahmen sich die Ulmer ein Beispiel, und das Tor musste doch nicht eingerissen werden. Zu Ehren dieses sagenhaften Spatzes findet man noch heute in der ganzen Stadt teilweise kunstvoll bemalte Vogelstatuen, und Ulm bewirbt sich selber auch mit dem Begriff „Spatzenstadt“. Diese Ausgabe von „Fast wie Sturm, nur woanders“ befasst sich also mit einer Stadt, die den höchsten Kirchturm der Welt besitzt, deren Einwohner jedoch nicht auf die Idee kamen, einen langen Holzbalken um 90 Grad zu drehen.

Ein Ulmer Spatz. (c) Wikimedia Commons – Joachim Köhler

Als „Ulmer Spatzen“ werden neben erwähnten Statuen, einem Laugengebäck und vielem anderen auch die Fans und Spieler des SSV Ulm 1846 Fußball bezeichnet. Der größte und erfolgreichste Fußballverein in der 130.000-Einwohnerstadt hat streng genommen allerdings eine jüngere Geschichte als man denken mag, wurde er doch erst 2009 gegründet. Wiebitte was?

Relativ lange, relativ uninteressante Vorgeschichten

Naja, der Sportclub wurde in der Einleitung nicht ohne Grund erwähnt. Aber gehen wir die Geschichte von vorne an. Der Fußball gelangte im Jahr 1893 nach Ulm, also noch vor der Gründung des First Vienna F.C. Zunächst noch als Unterabteilung eines örtlichen Turnvereins, ab dem schönen Jahr 1909 dann als eigenständiger Verein Ulmer FV 1894. Dieser kam kaum zu mehr als lokaler Berühmtheit, stellte aber ab 1936 immerhin erstmals einen deutschen Nationalspieler. 1939 kam es zur ersten größeren Fusion, der FV wurde mit dem TB 1846 Ulm und der SpVgg Ulm 1889 zur TSG Ulm 1846 verschmolzen. Nach dem zweiten Weltkrieg spielte diese TSG die meiste Zeit in der damals erstklassigen Oberliga Süd, für die 1963 neu eingeführte Bundesliga konnte man sich allerdings nicht qualifizieren. 

Paralell zur TSG existierte seit 1924 der SV Schwaben Ulm (später 1. SSV Ulm), dieser hatte seine besten Zeiten als Erstligist in den dreißiger Jahren. Wobei Erstligist in Deutschland damals ja generell eine andere Bedeutung hatte als in Österreich. Hier galt die ÖFU-Liga seit ihrer Gründung 1900 als höchste nationale Spielklasse (zumindest für das österreichische Gebiet des Kaiserreichs),  in Deutschland gab es bis eben 1963 keine eingleisige oberste Spielklasse, jeder Regionalverband hatte seine eigene oberste Liga, und die Meister der Regionalverbände spielten sich dann in einem kurzen Turnier den deutschen Meister aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg jedenfalls spielte der 1.SSV Ulm nur noch eine Nebenrolle, bis auf einen Württembergischen Pokalsieg steht nichts Nennenswertes mehr zu Buche. 

Sowohl die TSG als auch der SSV waren keine reinen Fußball- sondern Breitensportvereine mit einer Vielzahl an Abteilungen. 1970 wurde die Fusion beschlossen und es entstand der SSV Ulm 1846, der damals mitgliederstärkste Sportverein Deutschlands. Die Fußballsektion startete in der dritten Leistungsstufe, der damaligen 1. Amateuroberliga Nordwürttemberg., wurde in den nächsten Jahren auch mehrfach Meister, scheiterte allerdings im Meisterplayoff stets am Aufstieg in die 2. Liga. Es brauchte eine Ligareform, damit die Ulmer in der Saison 1979/80 erstmals zweitklassig antraten. 1980/81 wurde man in der 2. Liga Süd gar Fünfter, musste aber trotzdem absteigen. Hä? Naja, die beiden 2. Ligen (Süd und Nord) wurden zu einer einzigen zweiten Bundesliga zusammengefasst, und als quasi Ligenneuling hatte Ulm in der „Fünfjahreswertung“ zu wenige Punkte gesammelt, um in der eingleisigen Liga verbleiben zu dürfen. In den nächsten Jahren pendelten die Spatzen zwischen der zweiten und dritten Stufe, bis man sich ab 1988 in der Drittklassigkeit stabilisierte.

Inneneinblick ins Ulmer Donaustadion. (c) Wikimedia Commons – Andreas Praefcke

Durchmarsch und Durchfall

Wahrscheinlich wär’s längerfristig für den Verein auch günstiger gewesen, wenn sie ein ewiger Drittligist geblieben wären. Aber meistens kommt es anders als man denkt. Im Sommer 1997 wurde ein ehemaliger Mittelfeldspieler der Ulmer zum neuen Trainer ernannt. Sein Name: Ralf Rangnick. Der sollte bei den Ulmern erstmals zeigen, dass er keiner von den ganz Schlechten ist, stieg er mit ihnen doch sofort aus der Regionalliga Süd in die 2. Bundesliga auf. Dort angekommen wurde mal oldschool das Saisonziel Klassenerhalt ausgegeben. Dieses Ziel wurde krachend verfehlt, die Ulmer stiegen als Tabellendritter hinter Bielefeld und Unterhaching nämlich direkt in die 1. Bundesliga auf. Das Problem dabei: Das Ulmer Budget war in dieser Saison plötzlich verdoppelt worden, mit Geld, das eigentlich nicht da war. 

In der obersten Spielklasse angekommen gab es zunächst neue Stahlrohrtribünen für das Donaustadion und keine sportlichen Akklimatisationsprobleme, nach 24 Runden war man immerhin acht Punkte vom 16. Platz entfernt, der damals noch den direkten Abstieg ohne Relegation bedeutete. In der 25. Runde kam Bayer Leverkusen nach Ulm, schoss neun Tore, und fuhr wieder heim. Das 1:9 war der Start einer Negativspirale, an deren Ende der Abstieg stand. Problematisch für den Verein wurde es, als man in der darauffolgenden Saison auch die zweite Liga nicht halten konnte, nun kamen all die Schulden ans Tageslicht, die man in den Jahren davor für den schnellen Aufstieg angesammelt hatte. Dass der Investor Kinowelt AG just in dem Jahr Pleite ging, war wohl auch nicht hilfreich. Lizenz gab es da erstmal keine mehr, der SSV Ulm stürzt im Sommer 2001 bis in die fünfte Liga ab. 

Der Weg zurück – Ein Negativbeispiel

Das Motto, das wohl am besten zum Verein passt. (c) SturmNetz

Als Zweitligaabsteiger war man noch für den DFB-Pokal qualifiziert, und sensationell konnte man dort in der ersten Runde als erster Fünftligist überhaupt ein Spiel gewinnen, noch dazu gegen den damaligen Bundesligisten aus Nürnberg. Am Ende der Saison steht mal die Rückkehr in die viertklassige Oberliga Baden-Württemberg, das sollte dann aber für längere Zeit die letzte sportliche Nachricht aus der Spatzenstadt sein.

Die nächsten Jahre im Schnelldurchlauf. Sommer 2003: Der SSV ist knapp nicht aufgestiegen, die Stadt muss den Verein vor der Insolvenz retten. Sommer 2004: Der SSV ist deutlich nicht aufgestiegen, die Stadt muss den Verein vor der Insolvenz retten. 2005 bis 2007 passierte nicht viel, im Sommer 2008 konnte man sich immerhin für die neue viertklassige Regionalliga Süd qualifizieren. Dafür wurde der Verein wegen Steuerhinterziehung verurteilt, Spieler wurden schwarz bezahlt und fetteten sich ihren Lohn mit dem staatlichen Arbeitslosengeld auf.

2009 war dann shit on fire.

Damals gab es ein Sommertestspiel gegen Fenerbahce Istanbul. Das ging 0:5 verloren, so weit, so unspektakulär. Problematisch war halt nur, dass einige Spieler Kontakt mit Ante Sapina, dem kroatischen Wettpaten gehabt haben sollen. Schon einige Spiele aus der Regionalligasaison standen unter Manipulationsverdacht, dieses möglicherweise geschobene Testspiel hat die Lage dann auch nicht verbessert, letzten Endes werden drei kroatische Spieler suspendiert. 

Warum ein großes Fußballmagazin unrecht hat, und der Verein immer noch am Sand ist

Nun nähern wir uns auch schon der Antwort auf die oben aufgeworfene Frage, warum der SSV Ulm 1846 Fußball denn eigentlich erst 2009 gegründet worden war. Hierfür gibt es zwei Varianten, nämlich die schöne Geschichte und die richtige Geschichte. Die schöne Geschichte wird unter anderem in der Oktoberausgabe des deutschen Fußballmagazins 11Freunde erzählt, laut dieser hätte es nach Insolvenz und Wettskandal den Mitgliedern des SSV endgültig gereicht und diese hätten die Fußballsektion aus dem Verein geworfen. Wie gesagt, nette Geschichte, aber leider falsch. In Wahrheit (bzw. zumindest in der Version der offiziellen Vereinschronik) fand die Abspaltung der Fußballsektion bereits mehrere Monate vor den mutmaßlich geschobenen Spielen statt, die Beweggründe dafür blieben dem Rechercheteam von Fast wie Sturm, nur woanders bisher leider verborgen. Der alte Stammverein behielt den Namen SSV Ulm 1846, der neue reine Fußballverein nannte sich elegant SSV Ulm 1846 Fußball. Eine schönere Umbenennung hat eigentlich nur der Wiener Sportclub (dann Sportklub, jetzt wieder Sportclub) vorgenommen.

Trainer in der besprochenen Saison 2008/09 war übrigens Markus Gisdol, der hat ja dann auch seinen Weg gemacht. Das ist etwas, das man über die Ulmer Spatzen nun eher nicht sagen kann. 2010 ging sich dann alles nicht mehr wirklich aus, der SSV Ulm 1846 Fußball beantragt zum nunmehr zweiten Mal die Insolvenz, welche mit einer großartigen Auszahlungsquote von 0.16 % bewilligt wurde. Man startete also schuldenfrei in die Saison 2011/12 und konnte nach dem Zwangsabstieg gleich mal den Wiederaufstieg in die Regionalliga Südwest feiern. Dort konnten sich die Ulmer bis in die Saison 2014/15 halten, ehe sich die Geschichte wiederholt. Die Spielergehälter steigen, die Leistung steigt nicht mit, Insolvenz. Die mittlerweile dritte in fünfzehn Jahren, das ist durchaus beachtlich, auch wenn andere das in deutlich kürzerer Zeit geschafft haben.

Seither konnten die Spatzen zumindest wieder in die Regionalliga Südwest zurückkehren, doch mittlerweile zeigt die ganze Stadt dem Verein relativ die kalte Schulter, in das knapp 20.000 Zuschauer fassende Donaustadion, ein klassisches Oval mit Laufbahn und Stehplatzkurven, verlieren sich kaum mehr als 1500 Fans. Die Fans, die noch kommen, haben eine offizielle Fanfreundschaft mit Rot-Weiß Oberhausen und Rivalitäten mit Reutlingen, dem VfB Stuttgart, den Stuttgarter Kickers und dem 1.FC Heidenheim, also quasi eh jedem größeren Verein, der da in der Gegend ist.

In der langen Vereinsgeschichte können die Ulmer inzwischen durchaus auf viele bekannte Namen verweisen, die einst zumindest in der Jugend das schwarz-weiße Trikot trugen, so unter anderem Uli HoeneßThomas TuchelMario Gómez und Loris Karius. All das verblasst aber gegen einen Mann. Der aktuelle Keeper Holger Betz steht seit 1997 im Kader der ersten Mannschaft und ist damit der zweittreueste Vereinsspieler der Welt. Zumindest behauptet 11Freunde das, vielleicht stimmt zumindest diese Geschichte auch, schön wäre sie zumindest. Unbestritten ist, dass Betz mit den Ulmern alle Ligen zwischen 1 und 5 erkundet hat und für den SSV mittlerweile sagenhafte 490 Pflichtspiele bestritten hat (Stand 16.11.2017, Quelle: Transfermarkt.at).

Resümee

Ulm war einmal kurz ganz oben, hat sich das Ganze aber eigentlich nicht so wirklich leisten können. Teilweise wie Sturm. Der Verein ist jetzt schon länger unten, und kann sich das ganze eigentlich immer noch nicht wirklich leisten. Glücklicherweise nicht wie Sturm, Hallo GAK! Die Farben sind immerhin schwarz und weiß. Wie Sturm, geil. Die Vereinsgeschichte geht zurück bis 1893, also so irgendwie halt. Länger als bei Sturm, aber das ist dann auch schon egal.

In Wirklichkeit gibt es keinen Grund, Fan des SSV Ulm 1846 Fußball zu werden. Sportlich reißen die seit fünfzehn Jahren nicht mehr viel, und wenn sie Aufmerksamkeit bekommen, dann nur weil sie a) Insolvent oder b) in einen Wettskandal verwickelt sind. Klar, Ulm ist eine echt schöne Stadt und der Club hat echt schöne Farben, aber wenn man sich die letzten fünfzehn, zwanzig Jahre von dem Verein anschaut, dann bekommt man echt eine Ahnung, warum die alten Ulmer das mit der Holzdrehung damals nicht selber geschafft haben. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, ein Spatz noch keinen vernünftig geführten Verein.

 

 

7 Kommentare

  1. graz4ever sagt:

    „Glücklicherweise nicht wie Sturm! Hallo GAK (oder GAC od GakII???)!“

    🙂 🙂 🙂

    Spitzen Satz, treibt mir a fettes Schmunzeln ins Gesicht! T.O.P. SturmNetz!

    1+

  2. Eisenfuss sagt:

    Liebes Sturmnetz Team.

    Ist euch ein Problem mit den Firefox Browsern bekannt?

    Ich kann seit ein paar Tagen eure Seite weder vom Smartphone noch vom Laptop aus aufrufen, solange ich Firefox verwende.

    Ich erhalte immer die folgende Meldung:

    api.grexaut.net

    This is the default page for api.grexaut.net. This page was generated automatically by i-MSCP. Please, upload your own index.html file.

    Vielen Dank für die Hilfe!

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  3. Eisenfuss sagt:

    Funktioniert scho  wieder, warum auch immer

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  4. Ennstaler sagt:

    Ich kann die Fehlermeldung von Eisenfuss nur bestätigen, auch bei mir kam beim Firefox-Browser die zitierte Fehlermeldung. Griff man aber auf ältere Seiten zu, trat der Fehler nicht auf.

    Und der Fehler tritt bei mir schon wieder auf, wieder die Fehlermeldung:

    This is the default page for api.grexaut.net. This page was generated automatically by i-MSCP. Please, upload your own index.html file.

    Kann es sein, dass der Fehler bei Firefox selbst liegt?

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