Brunos neuer Arbeitgeber?

Der SV Darmstadt 98 im Portrait

Morgen soll Michael Esser bei SV Darmstadt 98 einen Vertrag unterschreiben und wird wohl an seinem Ziel Erste Deutsche Bundesliga ankommen. Wir haben uns den Traditionsklub aus dem südlichen Hessen angeschaut und können uns zu unserem Leidwesen gut vorstellen, dass Bruno sich in der 150.000-Einwohner-Stadt sowohl sportlich als auch privat sehr wohlfühlen könnte.

Obwohl der SV Darmstadt offiziell erst seit dem Jahr 1919 existiert, verweist das „98“ im Vereinsnamen auf den Vorgängerklub, den FK Olympia 1898. Zwar gab es bereits in den ersten 70 Jahren der Vereinshistorie so manchen lokalen Triumph, etwa im Hessenpokal oder in der Hessenmeisterschaft, erstmals überregional für Aufsehen sorgten die Lilien allerdings erst im Jahr 1973 mit dem Gewinn der Süddeutschen Meisterschaft und dem daraus resultierenden Aufstieg in die damals neu geschaffene 2. Bundesliga. 1978 gelang dann der bis dahin größte Erfolg in der damals 80-jährigen Geschichte, als die Darmstädter erstmals in der höchsten deutschen Spielklasse vertreten waren. Allerdings mit Spielern, die weiterhin ihren Berufen nachgingen. Schnell bekamen die Lilien daher den Spitznamen „Feierabendfußballer vom Böllenfalltor“ verpasst und es überraschte auch niemanden, dass Darmstadt bereits am Ende seiner ersten Bundesliga-Saison wieder den Gang in Liga Zwei antreten musste.

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(c) Wikimedia Commons/Ungry Young Man

Zweiter Aufstieg

Unter dem damaligen Trainer Werner Olk, in Graz noch immer berühmt für sein Ein-Tages-Engagement bei Sturm, gelang 1981 der erneute Aufstieg in das Oberhaus des deutschen Fußballs, jedoch konnte auch diesmal der direkte Wiederabstieg nicht verhindert werden. Nach über einem Jahrzehnt in der Zweiten Liga, stiegen die Lilien 1993 in die damals drittklassige Oberliga Hessen ab und pendelten in den Folgejahren zwischen Dritt- und Viertklassigkeit. 

Das Wunder vom Böllenfallentor

Im Jahr 2008 mussten die Darmstädter wegen finanzieller Schwierigkeiten ein Insolvenzverfahren einleiten. Durch viel Schweiß und Herzblut wurde aber doch noch der Fortbestand des Traditionsvereins gesichert. Vor allem dank zahlreicher Aktionen und Spenden bekam man in letzter Sekunde die Lizenz für die anstehende Regionalliga-Saison und der drohende finanzielle Kollaps konnte somit abgewandt werden. Umso sensationeller verlief für den SVD die Saison 2010/2011: Dem Klub gelang der überraschende Aufstieg in die 3. Liga. Zwar belegte man am Ende der Folgesaison 2012/2013 einen Abstiegsplatz, die Insolvenz der Offenbacher Kickers ersparte dem Verein allerdings den erneuten Gang in die Regionalliga. Zugleich der Startschuss für eine sensationelle Entwicklung.

Mit Dirk Schuster zu ungeahnten Höhen

Bereits im Dezember 2012 wurde der ehemalige Admira-Spieler Dirk Schuster Chefcoach bei den Lilien. Zwar konnte auch er in seiner ersten Saison den sportlichen Abstieg nicht verhindern, dennoch war bereits im ersten Halbjahr seiner Amtszeit eine positive Entwicklung im Spiel zu erkennen und schon die darauffolgende Spielzeit beendeten die Lilien auf Platz 3. Die daraus resultierenden Relegationsspiele gegen Arminia Bielefeld bleiben wohl unvergessen: Nach einer 1:3-Heimniederlage schien der Aufstieg in weite Ferne gerückt, doch das Tor von Elton da Costa in der 122. Minute des Rückspiels sorgte für die Rückkehr nach 21 Jahren Abstinenz in Liga zwei. Doch dem nicht genug: Als Abstiegskandidat Nummer eins gehandelt, gelang in der Saison 2014/2015 bereits am 23. Spieltag das frühzeitige Erreichen des Saisonziels Klassenerhalt. Von diesem Druck befreit stürmten die Lilien in der Folge von Sieg zu Sieg durch die Liga und nach einem 1:0-Erfolg gegen den FC St. Pauli stand am letzten Spieltag der direkte Aufstieg in die Erste Bundesliga fest.

Saison 2015/2016: Erstmals Klassenerhalt in Liga eins

Auch die erste Saison nach 33 Jahren ohne Erstklassigkeit verlief für den SV Darmstadt mehr als zufriedenstellend. Nach zwei Aufstiegen in Folge, geschah in der abgelaufenen Saison das wohl noch größere Wunder. Am vorletzten Spieltag fixierte der Goliath unter den Davids den Klassenerhalt, allerdings mit nur zwei Heimsiegen während der gesamten Saison. Noch nie war ein Team in der Geschichte der Bundesliga mit einer derart schlechten Bilanz nicht abgestiegen. Allerdings haben die Lilien mit ihrer unbequemen Spielweise auf fremden Plätzen 26 Punkte eingefahren und damit in der Auswärtstabelle der Bundesliga Platz vier belegt. Und das mit einer Tugend, die aus der Not und dem knappen Geld in Darmstadt unerlässlich wurde: Seit Jahren gelten die Lilien als ein Sammelsurium von Ausgebotenen, die am Böllenfalltor ihre letzte Gelegenheit, sich im erstklassigen Fußball zu beweisen, bekommen und diese in der Regel auch nützen. Rechtsaußen Marcel Heller meinte im Zuge der Feierlichkeiten des Nichtabstiegs, dass „viele in uns das neue Tasmania Berlin (Anm.: die erfolgloseste Mannschaft in der Geschichte der ersten deutschen Bundesliga) gesehen haben. Es ist das achte Weltwunder, noch höher einzuschätzen als alles was zuvor passiert ist.“

Einer dieser einstmals Aussortierten war in der letzten Saison auch der österreichische Nationalteamspieler György Garics, der in Hessen noch Vertrag bis Juni 2017 hat. Auch Kapitän Aytac Sulu hat diese Chance genutzt: 2013 spielte Deutschlands torgefährlichster Abwehrspieler noch beim damaligen österreichischen Zweitligsiten SC Altach. Erfolgstrainer Dirk Schuster hingegen, verließ Darmstadt nach dreieinhalb Jahren in diesem Sommer. Auf Schuster folgt Norbert Meier, 16-facher deutscher Nationalteamspieler und als Trainer unter anderem auch schon bei Borussia Mönchengladbach, MSV Duisburg und Fortuna Düsseldorf tätig.

Anachronistische, schöne Heimstätte

Bruno Esser wird seine Heimspiele im ohne Zweifel marodesten Stadion der deutschen Bundesliga austragen. Und zugleich auch im charmantesten. Die Ursprünge dieser Spielstätte gehen bis in das Jahr 1921 zurück, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Böllenfalltorstadion allerdings jahrelang von der amerikanischen Besatzungsmacht zu einem Baseballstadion umfunktioniert. Einst hatte es ein Fassungsvermögen von 30.000 Zuschauern, durch immer strengere Auflagen seitens des DFL hat das Stadion aktuell nur noch eine Kapazität von 17.000 Besuchern. Ursprünglich war ein totaler Umbau mit Fertigstellung zur Saison 2016/2017 angestrebt, dieser Termin wurde allerdings später auf das Jahr 2018 revidiert. Mehrmals wurde die Lizenz seitens der Deutschen Fußball Liga nur unter der Bedingung gewährt, den Umbau des baufälligen Stadions weiterhin voranzutreiben.

Torhüter im Kader des SVD

Der Stammtorhüter der Vorsaison, Christian Mathenia, machte schon im Mai Gebrauch von einer Ausstiegsklausel seines bis 30. Juni 2017 gültigen Vertrags und unterschrieb einen Kontrakt beim HSV, wo er den tschechischen Ersatztorhüter Jaroslav Drobny ersetzen wird. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass die Lilien sich die Dienste des in Bochum geborenen portugiesischen U-21-Nationalteamtorhüters Daniel Heuer-Fernandes gesichert haben. Der Torhüter hatte in der abgelaufenen Saison 13 Spiele für den Zweitliga-Absteiger SV Paderborn absolviert. Er wird wohl den polnischen Ersatztorhüter Lukasz Zaluska nachfolgen, dessen auslaufender Kontrakt bislang noch nicht verlängert wurde. Denn als Nummer 2 hätte Michael Esser schon im Wintertransferfenster zu Werder Bremen wechseln können.

 

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