Break on through to Europe

Ein Rückblick auf die Partie SK Sturm Graz gegen den FC Zestafoni

Intro

Wir schreiben das Jahr 2011, Sturm Graz feiert einen der größten Erfolge in der bisherigen Vereinsgeschichte und krönt sich sensationell zum Österreichischen Meister. Die Grazer Innenstadt ist in Schwarz-Weiß getaucht und man feiert exzessiv bis in die Nacht hinein. Es gelang das Kunststück, die finanzstärkeren Klubs aus Wien und Salzburg hinter sich zu lassen. Eine Errungenschaft, die gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Zwar spielen die Blackies nicht, wie bei den beiden Meistertiteln Ende der Neunzigerjahre, die Liga in Grund und Boden, aber Sturm überzeugt durch defensive Stabilität und mentale Stärke. Dies sollte sich jedoch in nur wenigen Monaten ändern.

Tried to run, tried to hide

Die Schwarz-Weißen sind nach ihrem Trip Richtung Meistertitel wieder in der Realität angelangt und bieten weitestgehend biederen Fußball. Der Abgang Gordon Schildenfelds wiegt schwer und kann mit dem vorhandenen Spielermaterial nicht kompensiert werden. In der Meisterschaft schafft man es nicht, die vorhandene Euphorie zu konservieren und somit bleibt nur noch der Traum des internationalen Durchbruchs. Nachdem man sich etwas glücklich gegen den ungarischen Meister Videoton (trainiert vom heutigen Fiorentina-Coach Paulo Sousa) durchgesetzt hat, wartet nun Zestafoni aus Georgien auf den SK Sturm. Im Hinspiel zeigt man weitestgehend eine schwache Vorstellung und liegt folgerichtig durch ein Tor des späteren Deutschlandlegionärs Gelashvilli (VFL Bochum) in Rückstand. Jener hätte darüber hinaus auch deutlich höher ausfallen können. Sturm versucht sich zurückzukämpfen und wenige Minuten nach dem Gegentreffer gelingt in Person von Patrick Wolf der Ausgleich, der den georgischen Schlussmann nach tollem Ballgewinn und einem energischen Sprint noch mit einem perfekten Heber düpiert. Traumtor.

Während die Mannschaft in der georgischen Hauptstadt Tiflis ein glückliches 1:1 feiert, keimen in Graz die ersten Gewitterwolken auf. Es droht ein Boykott der Nordkurve ob der sündhaft teuren Ticketpreise. In einer damaligen Stellungnahme heißt es wie folgt: „Mit Verwunderung haben wir die kürzlich veröffentlichte Preispolitik für das Zestafoni-Heimspiel zur Kenntnis genommen. Anstatt alles mögliche zu unternehmen, das so wichtige Ziel Championsleague-Play-Off mit einem vollen Haus im Rücken zu erreichen, hat sich die zuständige Abteilung beim SK Sturm dazu entschlossen, den Weg der “schnellen Kohle” zu gehen und das Spiel gegen den weltberühmten georgischen Meister einem Spitzenspiel der heimischen Bundesliga gleichzusetzen und dafür die Preisklasse I (das entspricht in dem Fall einem Preis von 22 Euro für die Vollpreiskarte hinter dem Tor und von 30 Euro auf der Längsseite) zu veranschlagen.”

Präsident Stockenhuber entgegnet dem mit jeglichem Unverständnis und meint darauf: „Es ist natürlich sehr schade, dass es hier Differenzen gibt, aber wir waren gerade in jüngster Vergangenheit immer sehr hilfsbereit.” So wurden laut Stockenhuber sowohl die Busse zum Videoton-Heimspiel in Klagenfurt, als auch der Flug nach Tiflis praktisch zum Selbstkostenpreis an die Fans weiterverrechnet. “Wir können leider nicht immer eine Ausnahme machen. Ein Champions League-Qualifikationsspiel ist für uns ein Spiel der Kategorie eins. Ich denke, die Allgemeinheit der Sturm-Fans wird das verstehen.” Sowohl die Form der Mannschaft als auch die äußeren Rahmenbedingungen deuten also auf ein aufziehendes Gewitter in Graz-Liebenau hin.

The gate is straight, deep and wide

Obwohl die Situation zwischen den Vereinsverantwortlichen und der Nordkurve äußerst angespannt ist, kommen die Fanklubs ins Stadion und unterstützen ihre Mannschaft nahezu entfesselt. Zu groß ist die Bedeutung der Partie, um sich von der Preispolitik verärgern zu lassen. Zum Spiel selbst: In der ersten Halbzeit sehen die Zuschauer ein sehr chancenarmes Spiel, Highlights bleiben ein missglückter Heber von Gelashvilli und mehrere gute Versuche von Wolf, auf der rechten Seite durchzubrechen. Bis auf ein, zwei Fernschüsse von Hölzl und Szabics gelingt den Blackies recht wenig, denn zu viele unnötige Ballverluste verhindern gehobene Spielkultur. In der zweiten Halbzeit sollte sich das zumindest ein wenig ändern.

Gleich wenige Minuten nach Wiederanpfiff legt Szabics den Ball für Hölzl per Ferse ab, dieser verzieht knapp. Sturm gewinnt jetzt Oberwasser und bestimmt das Spielgeschehen. In der 72. Spielminute ist es dann soweit, wieder ist es der schwarz-weiße Gulaschbomber, der Roman Kienast in Szene setzt. Dieser lässt einen georgischen Verteidiger ins Leere rutschen, vollendet gekonnt mit einem Heber und stößt das Tor zur Champions League-Qualifikationsrunde sperrangelweit auf. Wieder ein Traumtor. Es brechen wahrlich alle Dämme in Graz- Liebenau, denn ein selten zuvor gesehenes Gewitter setzt ein und es beginnt wie aus Kübeln zu schütten. In der Folge blieb Sturm dran und vergab durch Dudic, Kienast und den eingewechselten Darko Bodul, welcher sein Pflichtspieldebüt gab und eine starke Vorstellung lieferte, weitere gute Möglichkeiten. Währenddessen begann es immer mehr zu regnen und auch die Sichtverhältnisse wurden stark eingeschränkt.

The day destroys the night, night divides the day

Zestafoni hingegen konnte zwar vermehrt Druck aufbauen, schaffte es aber nicht, sich gute Möglichkeiten herauszuspielen und somit blieb es beim verdienten 1:0-Heimsieg. Unterm Strich blieben zwei gelungene Pflichtspieldebüts für die schon angesprochenen Bodul und Dudic (welchem es gelang, die löchrige Sturm-Abwehr zu stabilisieren), sowie die Aufrechterhaltung des Traums vom internationalen Durchbruch. Die Champions League und finanzielle Sicherheit für die kommenden Jahre schienen plötzlich zum Greifen nah. Sturm war an diesem Tag in die hohen Gefilde des europäischen Fußballs vorgedrungen und da müsste schon fast der Tag die Nacht zerstören und die Nacht den Tag teilen, um einen Einzug in die Königsklasse scheitern zu lassen.

 

Anzeige

Schreibe einen Kommentar