Bravo, Andi Schicker!

Der Streik beziehungsweise die Arbeitsniederlegung ist eine Errungenschaft aus den Anfängen der Industriellen Revolution. Unterbezahlte, ausgebeutete Arbeiter versuchten damals miese Bedingungen und ihre schlechte Entlohnung zu verbessern. Mittlerweile ist es ein Grundrecht. Im echten Arbeitsleben ein hohes Gut, treten nun seit einigen Jahren Akteure aus der Scheinwelt des Profi-Fußballs dieses nicht nur sprichwörtlich mit Füßen. 2018 erzwang Dortmunds Pierre-Emerick Aubameyang trotz gültigem Vertrag durch Nichterscheinen beim Training, bewussten Provokationen, schlechten Leistungen und mehreren Disziplinlosigkeiten seinen Wechsel zu Arsenal London. Es folgte  eine öffentliche Debatte über die Machtverhältnisse zwischen Fußballern und Fußballvereinen. Kritisiert wurde die mangelnde Vertrags- und Vereinstreue der Hauptakteure und wie einfach es für Profis ist, durch massives Fehlverhalten Arbeitgeber zu erpressen, um (noch) besser dotierte Verträge einzuheimsen. Verträge die letztendlich nicht einmal das Blatt Papier wert sind, auf dem sie einst festgehalten wurden. 

Unzählige Kicker nahmen sich in den folgenden Jahren Aubameyang zum Vorbild – und stiegen zumeist als klarer Punktesieger aus dem Ring. Vor einem Jahr etwa streikte sich der Österreicher Kevin Danso von Augsburg Richtung Lens. Aktuell wandelt Landsmann Marco Friedl von Werder Bremen auf den Spuren seines ÖFB-Nationalteamkollegen, spielt doch Wunschdestination Union Berlin mittlerweile eine Klasse höher. Auch in die Österreichische Bundesliga hat dieses Phänomen Einzug gehalten. Bei einem Mittagessen soll Admiras Emanuel Aiwu seinem Trainer Andreas Herzog mitgeteilt haben, dass er sich nicht in der Lage fühlt, im Spiel gegen Sturm Graz auf dem Feld zu stehen. Zu viele Angebote aus dem In- und Ausland seien der Grund dafür. Rasch wurde der Innenverteidiger mit den Blackys in Verbindung gebracht, suchte man dort ja – bis zur Einigung mit Alexandar Borkovic – genau auf dieser Position noch nach einer Verstärkung. Während man in der Südstadt dieses Treiben ziemlich geräuschlos über sich ergehen ließ, zeigte Sturms Sportchef Andreas Schicker bei genau jener Bundesligapartie gegenüber Sky Sport klare Kante:

Ich habe es nur am Rande mitbekommen, dass er noch einen Transfer erzwingen will. Solche Aktionen taugen mir überhaupt nicht. Er war kein Thema und jetzt ist er es noch weniger. Wenn Spieler etwas erzwingen wollen, ist das eine Richtung, in die es nicht gehen darf…Das gefällt mir überhaupt nicht, da müssen sich die Vereine auch wehren. 

Ob dieser Spieler jemals Thema in Graz war, ist in diesem Fall sekundär. Andi Schicker hat sich mit dieser Aussage allerdings reichlich Respekt eingehamstert. Die Hoffnung ist zwar gering: Trotzdem wäre es wünschenswert, wenn sich mehrere Klubverantwortliche Schicker anschließen würden. Und man sich von Akteuren, die nur des schnöden Mammons wegen, von einem auf den anderen Tag die Farben wechseln, nicht mehr erpressen lässt. Dieser Spielertypus sei vielleicht noch kompatibel mit seelenlosen Kommerzprodukten. Anhänger echter Fußballvereine jedoch, bräuchten diese nicht in ihren Klubhemden. Und nicht nur Sturm ist wichtiger als jeder Spieler. Dachte man zumindest noch vor Montagabend. Bis ausgerechnet Rapid Wien – jener Klub, der Sturm so fremd, aber prinzipiell auch so nah erscheint – die Verpflichtung des nun überglücklichen Aiwu bekanntgab. Wie international üblich, behielt auch hierzulande der Kicker die Oberhand. Unüblich jedoch waren die klaren Worte von Sturms Geschäftsführer Sport. Bravo dafür. Allerdings wird er ab nun auch an diesen gemessen.

 

(c) Martin Hirtenfellner Fotografie

 

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11 Kommentare

  1. Schworza99 sagt:

    Ich tu mir bei solchen Geschichten immer schwer…weil wir nicht wissen was der Verein mit dem Spieler (mündlich) ausgemacht hat. Deswegen sollte man generell alles schriftlich festhalten: Was liegt des pickt.

    Es kann im Fußball halt auch schnell gehen: Neuer Präsident, Besitzer, Vorstand, Trainer, Mitspieler…so schnelllebig wie das Geschäft ist schließt heute mit dem Kreissl eine Vereinbarung ab und morgen sagt der Schicker obst angesoffen bist weil er weiß von nix…

    Wird schon Spieler geben die einfach nur egoistisch sind und keinen Cent Wert auf irgendwas geben, solche Vereine gibt es aber auch zu Genüge (siehe Super Liga). Grundsätzlich sind wir aber auch nicht zu zimperlich wenn der sportliche Erfolg ausbleibt (Huspek). Oder damals Spendelhofer. Die können auch sagen: Ich habe Vertrag. Punkt. Die Medaille hat halt immer zwei oder auch mehrere Seiten.

    Grundsätzlich aber kann man bei Sturm alles im Vertrag festlegen. Wir werden nie jemanden Steine in den Weg legen und auch Klauseln sind erlaubt bei uns, sofern beide Seiten profitieren.

  2. joow 15 sagt:

    Es bräuchte nur eine einfache Vereinbarung vom ÖFB: Vereinswechsel innerhalb der eigenen Liga sind nur zu Meisterschaftsbeginn, bzw. der Einsatz in der Kampfmannschaft ist nur nach einer entsprechenden Frist möglich. Ausnahmen sind Kooperationsvereine und deziterte Vertragsvereinbarungen. Das würde zwar Wechsel ins fußballerische Ausland nicht verhindern, aber den ‚Ausverkauf‘ in der eigenen Liga (Das Absahnen und eine damit verbundene Schwächung der gegnerischen Vereine).

    Was meint ihr?

  3. black_aficionado sagt:

    Soweit ich informiert bin ist Danso heuer von Augsburg zu Lens und nicht letztes Jahr von Mainz weg.

    Es stimmt schon, dass die Entwicklung eine unschöne zu sein scheint, jedoch wird in der öffentlichen Wahrnehmung exakt halt immer nur die eine Seite porträtiert und das ist jene des machtlosen Vereins vs des gierigen, charakterlosen Spielers. Es weiß niemand was zwischen den Parteien vereinbart war, es weiß niemand ob dem Aiwu nicht bspw. nach der letztjährigen Verweigerung seines Wechsels zu Red Bull nicht zugesichert wurde, dass ihm bei einem adäquaten Angebot heuer keine Steine in den Weg gelegt werden. Etc etc
    Ich will es wahrlich nicht gutheißen, dass Spieler hoch dotierte Verträge unterschreiben nur um diese dann nicht ansatzweise ernst zu nehmen und finde das auch sehr stark, dass sich Schicker hier öffentlich positioniert hat, aber man kann die Kirche schon ein wenig im Dorf lassen.
    Solange es die Möglichkeit gibt die Spieler mit Geld wortwörtlich zu erschlagen und diverse Klauseln in den Verträgen verankert sind, solange wird es solche Auswüchse geben. Dass die kleineren Vereine in dieser Hinsicht überproportional leiden, jo eh. Allein was willst machen? Solange wir eine Vertragsfreiheit haben und es üblich ist zu befristen, kann das wohl nur mit einem vereinsseitigen Schulterschluss verhindert werden. Wenn die Spieler wüssten, dass sie sich damit ins eigene Fleisch schneiden, dann hört das ganz schnell auf. Nachdem durch solche Aktionen aber tlw wohl auch die Ablösesummen gedrückt werden (klar, wer braucht so jemand im Kader – Hauptsache weg und wenn verscherbelt), ist die Chance, dass sich die Sportdirektoren die somit billigeren Spieler entgehen lassen gleich Null -.-

  4. Stronachhofer sagt:

    Ein ganz besonders undelikates Verhalten eines Spielers bei Sturm war jenes von Deni Alar, für den schäme ich mich heute noch. Aber – auch da war Rapid beteiligt, das sich um ein solches Verhalten der Clubs nicht schert, das Schicker eingemahnt hat. Sturm hat das nicht gemacht und das freut mich.

  5. Supersturm sagt:

    Scheint mittlerweile in Mode z kommen, dass gewisse Spieler sich einen Transfer zu erzwingen. Komischerweise sind es oft solche, die eigentlich noch gar nichts vorzuweisen haben.. War interessant, wer diesen Spielern solche Ratschläge erteilt.. Hätte ich beim aktuellen Verein etwas zu reden, würde solch ein Charakter sicher nicht wechseln, sondern brav mittrainieren und den Spieltag auf der Tribüne verbringen. Jeder, der so einen Wechsel erzwingt, ermutigt andere zu gleichen Aktionen..

  6. bianco nero tifoso sagt:

    Glücksgriff mitn Schicker Andi will ich gar net sagen, Naturtalent, a Gspür für Menschen, intelligent san ma olle, er ist einfach der Unterschiedspieler.

  7. Hindemith sagt:

    Niemand wünscht sich die unseligen Zeiten vor dem Bosman-Urteil zurück, als Spieler auf Gedeih und Verderb dem Goodwill der Klubs ausgeliefert waren und sich nur durch lange Stehzeiten befreien konnten.
    Aber sich einfach während eines laufenden Vertrages „freizupressen“, nur weil der Spielervermittler mit einem finanziell etwas besseren Angebot wachelt, sollte auch von Verband und Liga ganz klar unterbunden werden.
    Vertrag ist Vertrag, der kann individuell mit allen möglichen Klauseln gestaltet werden, sollte aber dann auch bis zum Ende der Laufzeit von beiden Seiten eingehalten werden…

    • 11mousa sagt:

      Doch, ich wünsche mir diese „unsäglichen“ Zeiten von vor Bosman zurück, als ein Klub, egal wie groß er war, nur drei Ausländer spielen lassen durfte, und dadurch Meistercup-Finali wie Marseille-Roter Stern, sowie EC Finali mit österreichischer Beteiligung möglich waren. Ganz zu schweigen davon, dass damals kleine Vereine auch noch akzeptabel für Spieler entschädigt wurden, die sie ausgebildet und auf das nächste Level gehoben haben.

      Bosmann war der Beginn des modernen Fußballs, in dem nur mehr zählt, wer fertigen Spielern mehr Millionen pro Monat anbietet, und nur das erste Vehikel für Großklubs wie die Spanier, Engländer, Deutschen und Italiener, sich noch weiter von allen anderen abzusetzen.

  8. Bozo Bazooka sagt:

    Cooles Statement von Andi Schicker.

    Was solche Streikaktionen angeht, könnte man das eigentlich leicht durch eine vertragliche Vereinbarung absichern, die dem Spieler Gehaltsperre bei gleichzeitigem Aussitzen des Vertrages bescheren würde.

    Allerdings glaube ich auch, dass es die beste Absicherung für einen Verein ist, einem Spieler im Fall von Abwanderungsgelüsten keine Steine in den Weg zu legen. Halb motivierte Kicker bringen eh nichts. Gleichzeitig wird so ein Verein natürlich auch attraktiver für anheuerungswillige Spieler.

  9. Ivaneijew sagt:

    Zwar ziemlich Off-Topic aber vielleicht betrifft es ja jemanden hier: https://steiermark.orf.at/stories/3119461/

  10. Neukirchner sagt:

    Das tröstliche daran ist, dass die Erpresser ziemlich oft beim neuen Klub nicht wirklich glücklich wurden.
    Alar war zwar eine andere Verarschung, aber der hat es sicher oft bereut.
    Ok so peinlich wie bei Alar war echt die extremste Negativentwicklung.

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