Bist du Sturm oder GAK?

Vorschau auf eine Bürger*innenbühne im Grazer Schauspielhaus

Wer von uns hat sie nicht in der Volksschule oder vielleicht schon viel früher gestellt bekommen, diese entscheidende Frage im Erwachsenwerden eines fußballbegeisterten Menschen in der Steiermark – eine Frage, der Ed Hauswirth, Regisseur und Leiter des Theaters im Bahnhof, zusammen mit Jennifer Weiss, Dramaturgin, Schauspielerin Julia Franz Richter und einem Laienensemble, unter anderem bestehend aus Fans beider „Lager“, auf ihrer Bürger*innenbühne im Grazer Schaulspielhaus ab 28. Februar auf den Grund geht.

„Die Frage ‚Bist du Sturm oder GAK?‘ beantwortet man einmal, man legt sich fest und das gibt man nicht mehr auf. Wir beschäftigen uns damit, warum das so ist und warum das für manche Leute sogar zum Anker im Leben wird.“ – Ed Hauswirth

Über Erzählungen von wahren Tiefschwarzen und Erzroten wird eine fiktionale Geschichte gelegt, deren roter, oder noch besser, schwarzer Faden es ist, jene Leidenschaft zu skizzieren und zu erklären, die uns Antrieb genug ist, jedes Wochenende ins Stadion zu gehen und unseren Herzensklub überhaupt in den Mittelpunkt beinahe all unseres Tuns zu rücken. Mit Hilfe des „semidokumentarischen Stils“, wie Hauswirth den Charakter des Stücks einordnet, soll ein gesellschaftlicher Querschnitt aus dem Fußballstadion auf die Bühne gebracht werden und das mit dem Ziel, die vielleicht manchmal durchaus befremdlich wirkende Begeisterung zu erklären, der wir alle erlegen sind.

(c) Karelly Lamprecht

Im legendären Ralf’s „Come In“ in der Grazer Neuholdaugasse hatte ich Gelegenheit mit Regisseur Hauswirth und Dramaturgin Weiss über dieses spannende und vielversprechende Projekt zu sprechen. Der Ort des Zusammentreffens könnte kaum passender sein und Sturmfans sei ein Besuch ans Herz gelegt, denn kaum eine Lokalität in Graz vermag es, Sturm-Feeling auf so intensive Weise zu vermitteln. Mit ebenjenem Ambiente gab Hauswirth seinen Interviews unter anderem den passenden Rahmen – auch am Abend unseres Gesprächs, als Kameramann Stefan seine Linse gerade auf Gesichter richtet, die man ja schon irgendwie vom „Sturm-Platz“ kennt.

„Wahrscheinlich werde ich irgendwann im Stadion heiraten müssen, wenn ich will, dass er bei meiner Hochzeit ist!“ Mit „er“ meint die junge Dame, die in Ralf’s Come In den Interviews lauscht, ihren Vater Hannes, der sich gerade im Gespräch mit Hauswirth und Weiss trotz oder vielleicht gerade wegen seines tiefschwarzen Herzens das Grazer Derby zurückwünscht. „Ohne mich spielt Sturm nicht“ ist sein Motto, ein Leben ohne die Schwarz-Weißen für ihn nicht vorstellbar und der Stadionbesuch dem sonntäglichen Kirchgang gläubiger Christen gleichzusetzen, denn „Sturm ist Religion“!

Dem Spielplan angepasste Urlaube und bei jedem wichtigen Termin immer auch den Stadionbesuch im Blick zu haben – oder wenigstens eine Möglichkeit, das Spiel irgendwie zu verfolgen – ist für uns normal, für andere zumindest „eigenartig“. Wie es so weit kommen kann und warum ein Fußballklub einen derart großen Stellenwert einnehmen kann, soll der Allgemeinheit genauso nähergebracht werden wie die gesellschaftspolitische Bedeutung des soziologischen Schmelztiegels Stadion.

Eine andere Denkweise

Ed Hauswirth (c) Johannes Gellner

Das beginnt in sehr vielen Fällen schon mit der Frage, die Titel des Stücks ist. Ein Familientreffen zu Ehren des Vaters einer Familie, die unter anderem gerade in dieser Hinsicht tief gespalten ist, wird zum Rahmen eines Versuchs, dem Theaterpublikum eine „andere Denkweise“ zu ermöglichen, einen eigenen Zugang für die Betrachtung des Fandaseins zu erlangen und Einblick in gesellschaftspolitische Dynamiken im Stadion zu gewinnen. „Im Fußball entsteht oft ein gesellschaftlicher Konsens, den die Politik nur durch Kognition und Reden herstellen kann. Wenn sich eine Kurve geschlossen gegen Rassismus ausspricht, hat das auf Stadionbesucher und Fans eine ganz andere Wirkung als jede Annäherung seitens der Politik oder Bildungseinrichtungen“, so Hauswirth. Den Theaterbesucher*innen die Welt zu erklären, sei nicht das Ziel.

„Die Stadionerfahrung hat etwas extrem Ekstatisches an sich“

Dramaturgin Jennifer Weiss, die selbst sehr fußballaffin ist, sieht Parallelen zwischen Gemeinschaften, die im Fußballstadion entstehen, und jenen, die sich während der Arbeit im Theater bilden. Sie empfindet die Identifikation, die man daraus gewinnen kann, als bemerkenswert. Den besonders starken Ausdruck von Leidenschaft haben beide gemein. „Die Stadionerfahrung hat etwas extrem Ekstatisches an sich und irrsinnige Kraft, die mich im Theater auch interessiert.“ Dabei sei die Rolle des Publikums im Stadion noch um einiges aktiver als jene der Theaterbesucher*innen. Theater habe überhaupt sehr viel mit dem Fußballspiel zu tun und „das Elitäre aufzubrechen“ sei durchaus auch Intention hinter diesem Projekt.

Bürger*innen auf die Bühne

Seit etwa einem Jahr gibt es im Grazer Schauspielhaus die „Bürger*innenbühne“. In einem Manifest legten die Verantwortlichen Ziele und Hintergründe dieser Form des Theaters offen. Die Abbildung der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist dabei ein zentraler Punkt.

„In einer Gesellschaft, in der Entwicklungen wie Globalisierung, Digitalisierung oder technischer Fortschritt die Welt unüberschaubar scheinen lassen, ist es wichtig, konkrete Handlungskompetenzen durch Partizipation zu stärken und durch Mitbestimmung sowie Bürger*innenbeteiligung Menschen die Möglichkeit zu geben, sich selbst als handelnde, aktive Wesen in dieser Welt erleben zu können.“ – Auszug aus dem Manifest des Grazer Schauspielhauses

Mit Laienschauspieler*innen, die ihre Lebenswelten in das Stück miteinbringen, werden verschiedene Themen behandelt. Die Figuren wie auch die Rahmenhandlung eines Stücks werden dafür den Darsteller*innen entsprechend konzipiert und geschrieben. Die (vermeintliche) Schwierigkeit, auf diese Weise eine Geschichte auf die große Bühne zu bringen, kommentiert Ed Hauswirth mit einem Zitat des großen JJ Cale: „Für ein gutes Solo braucht man nur drei Akkorde.“

(c) Karelly Lamprecht

Hauswirth und Weiss tauchten im Rahmen ihrer Recherchen für das Stück tief in die Welt des Grazer Fußballs, unter anderem auch in die Fanszenen beider großen Klubs, ein und bemerkten schnell, dass das Fandasein viel mehr bedeutet, als einfach nur ins Stadion zu gehen. Vielmehr wird es im Leben vieler Aficionados zur Determinante. Ob und wie diese Tatsache in „Bist du Sturm oder GAK?“ letztendlich transportiert wird, kann man ab 28. Februar im Grazer Schauspielhaus erleben.

Spieltermine und Tickets

  • Fr, 28. Feb 19:30 (PREMIERE)
  • Di, 03. Mär 19:30
  • Mi, 11. Mär 19:30
  • Mi, 18. Mär 19:30
  • Sa, 21. Mär 19:30
  • Do, 02. Apr 19:30
  • Fr, 03. Apr 19:30
Tickets gibt es hier.

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2 Kommentare

  1. Ralf´s come in ist nicht in der Schönaugasse sondern in der Neuholdaugasse. Ich muss es wissen, ich wohn nämlich im selben Haus.

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