Ausgleich, Schwalbentanz, Überpünktlicher Abpfiff

Die Aufholjagd gegen den LASK im Mai 1995

Die Steiermark im Frühjahr 1995: In Graz ist der BHI-Skandal – zwei Bankmanager werden der Veruntreuung von 220 Millionen Schilling bezichtigt – allgegenwärtig, der Leibnitzer Thomas Muster legt eine im Welttennis noch nie dagewesene Serie von 40 gewonnen Spielen auf Sand hin und der GAK ist auf einem guten Weg, nach fünf Jahren Abstinenz in die Bundesliga zurückzukehren. Am Jakominigürtel aber regiert der SK Sturm eindrucksvoll wie schon lange nicht mehr und der Verein ist wieder in aller Munde. Ivica Osim, seit knapp einem Jahr im Amt, hat seine Vorstellungen von Fußball in der Gruabn erstaunlich schnell umgesetzt. Sturm Graz, einst Synonym für Kampf auf Biegen und Brechen, steht nun schlagartig für gepflegten und modernen Offensivfußball, der sich noch dazu in eine veritable Punkteausbeute ummünzt. Man gewinnt unter anderem auf der Gugl gegen den LASK mit 2:1, besiegt daheim Rapid Wien 2:0 und triumphiert nach 26 sieglosen Jahren durch ein frühes Tor von Markus Schopp endlich auch wieder einmal am Innsbrucker Tivoli.

Die „Jungen Wilden“ im Frühjahr 1995 (c) Privat

Als im Mai der LASK nach Graz kommt, steht der oberösterreichische Traditionsklub zwar sportlich gut da, finanziell und personell wird er allerdings gerade arg durchgebeutelt. Bei den Linzern ist zwar ein 20%iger Ausgleich durchgegangen, doch die Spieler sehen schon seit Monaten kein Geld mehr. Auch die Personaldecke ist durch die Sperren von Walter Hochmaier und Anton Haiden sowie einigen Verletzten extrem dünn. Wiewohl auch Sturm vor diesem Match einiges aufzuarbeiten hat, denn ein 2:2 im Heimspiel gegen Austria Salzburg vier Tage zuvor hat tiefe Spuren hinterlassen. Die Arbeitsbiene im defensiven Mittelfeld, Herbert Grassler, ist nach der vierten Gelben Karte gesperrt, Mario Haas nach Gelb-Rot von Schiedsrichter Fritz Stuchlik obendrein. Zudem wurden fürs Salzburg-Match zu viele Karten aufgelegt. Einige, die gegen die Mozartstädter zwar Einlass in die Gruabn fanden, konnten kaum einen Blick auf das Spielfeld erhaschen oder mussten auf Werbetafeln – manch einer sogar auf der Matchuhr – Zuflucht suchen. 800 Fans wurden sogar trotz gültigen Tickets am Betreten des Areals gehindert. Der Ärger darüber und der Dauerregen, der an diesem Tag über Graz niedergeht, sind Gründe dafür, dass gegen die Oberösterreicher „nur“ 6000 Zuschauer den Weg in die Gruabn finden. Trotz Warnungen von Trainer Osim ist nichtsdestotrotz jedermann von einem weiteren Sturm-Sieg überzeugt. Knapp vor dem Match wird noch der erst 19-jährige Hannes Toth, Transferkartenspieler bei LUV Graz, ausgeborgt und der Nächste aus Osims Hasenstall – die 18-jährige Admira-Leihgabe Gerd Wimmer – streift sich erstmals von Beginn an das schwarz-weiße Trikot über.

Sturm beginnt zwar mit sehr viel Druck, aber im Verlauf der Ersten Halbzeit ist spürbar, dass diesmal nicht die Stammformation zu Werke geht. Zudem sorgt der tiefe Rasen dafür, dass Osims Truppe das damals übliche, gepflegte Kurzpassspiel nicht wie gewollt aufziehen kann. In der 24. Minute muss dann auch noch Routinier Walter Hörmann mit einer Oberschenkelverletzung ausgewechselt werden. Selbst der Ausschluss des Linzers Dietmar Grüneis nach einem Foul an Ivica Vastic und anschließender Kritik an Schiedsrichter Alfred Wieser ändert nichts an der Charakteristik: Sturm macht zwar das Spiel, aber die besseren Chancen findet der LASK vor. So geht man mit einem 0:0 in die Kabinen. Irgendwie hofft man in der Gruabn jetzt auf einen Schachzug von Osim, aber der Trainer-Philosoph hat kaum Alternativen auf der Bank und schickt seine Mannschaft unverändert zurück aufs Feld. Was folgen sollte, war die schwächste halbe Stunde im gesamten Sturm-Frühjahr:

53. Minute: Manfred Linzmaier gewinnt einen Pressball gegen Roland Goriupp und braucht nur noch einzuschieben, 0:1.
60. Minute: Herfried Sabitzer produziert im Strafraum eine Schwalbe nach angeblichem Foul von Andrej Tschernischov, Goriupp ist zwar beim daraus resultierenden Elfmeter von Sascha Metlitsky mit der Hand dran, dennoch steht es 0:2.
76. Minute: Tschernischov-Fehler im Mittelfeld, Didi Ramusch startet ein Solo und bezwingt Goriupp mit einem Weitschuss, 0:3!

Die stolze Serie von zwölf Spielen ohne Niederlage scheint beendet. Auch Ivica Osim glaubt in diesem Moment nicht mehr an den Umschwung, meinte später augenzwinkernd, er „habe in diesem Moment schon über Ausreden für die Presse nachgedacht“. Hunderte Fans verlassen geknickt die Gruabn und verabsäumen es somit, Zeugen einer der größten Aufholjagden in der Vereinsgeschichte zu werden. Denn wieder einmal gilt: Der SK Sturm ist niemals tot.

80. Minute: Energieanfall auf der rechten Seite des an Einstellung und Kampfgeist stets vorbildlichen Markus Schopp, der Andreas Steininger den Ball abkämpft und zu Arnold Wetl in die Mitte passt. Der Eibiswalder lässt auf Hannes Toth „abtropfen“ und der in einer Blitzaktion „ausgeborgte“ Stürmer erzielt in seinem ersten Bundesligaspiel den so wichtigen Anschlusstreffer zum 1:3. Steininger „bedankt“ sich in der gleichen Minute bei Schopp für den verlorenen Zweikampf mit einem Schlag ins Gesicht und sieht ebenfalls Rot. Der LASK somit nur noch zu neunt.
84. Minute: Kopfballvorlage des mittlerweile zum Mittelstürmer umfunktionierten, baumlangen Verteidigers Andrej Tschernischov und Markus Schopp schiebt den Ball unhaltbar für LASK-Goalie Pepi Schicklgruber ins lange Eck ein. Nur noch 2:3.
88. Minute: Langer Pass von Schopp auf Toth, dieser schickt Vastic in die Gasse und die damals noch sehr launische Diva macht aus kurzer Distanz das Wunder wahr, 3:3.

Die Gruabn steht Kopf und ein LASK-Spieler fühlt sich zehn Jahre zurückversetzt: Manfred Linzmaier hatte bereits in der Herbstsaison 1985 mit dem FC Tirol in Graz nach 83 Minuten mit 3:1 geführt und schlich letztendlich doch noch als 3:4-Verlierer vom Platz. So weit sollte es aber an diesem Tag nicht mehr kommen. Vielleicht auch, weil sich Schiedsrichter Wieser nach genau 90 Minuten den Ball schnappt und das Spiel abpfeift. Warum er dies so überpünktlich tat, erklärt der Kärntner – einst als der „Kartenspieler“ in der Bundesliga bekannt und nebenberuflich Papageienzüchter – in einem Interview nach dem Spiel so: “Die Dramatik war für mich so groß, dass ich einfach nicht mehr konnte.“ 

Ehrenrunde in der Gruabn (c) Privat

Es war unbestritten nicht die beste Leistung in einer ansonsten herausragenden Frühjahrssaison, in der Sturm schon längst als die spielerisch stärkste Mannschaft Österreichs galt. Doch an diesem Tag konnte man beobachten, dass in diesem Team, gepickt mit vielen „Jungen Wilden“ zusätzlich auch noch der legendäre, sprichwörtliche Sturm-Geist steckt. Selbst der ansonsten meist kritische Ivica Osim meinte, ihm sei „so ein Spiel lieber als ein 1:0-Sieg“. Dem Fernsehsender ZDF war diese Aufholjagd in der sonntägigen Sendung „Sportreportage“ einen Beitrag wert und so flimmerte Ivica Vastic und sein „Schwalbentanz“ nach dem 3:3 auch in deutsche Haushalte. Wie wichtig dieses Unentschieden für die weitere Entwicklung dieser Mannschaft war, bekräftigen die Aussagen von Markus Schopp, der Jahre später diese Begegnung als sein Lieblinsspiel deklarierte, denn „damals wurde uns allen endgültig klar, dass diese Mannschaft wirklich alles erreichen kann“. Sturm blieb die ganze Frühjahrssaison auch tatsächlich ungeschlagen und verpasste bereits im ersten Osim-Jahr den Meistertitel nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz gegenüber Austria Salzburg.

 Der damals 19-jährige Hannes Toth erinnert sich an seinen ersten Einsatz in der Bundesliga so:

„Ich war zu dieser Zeit gerade beim Bundesheer und verrichtete meinen Dienst in einem Militärspital. Ich kehrte gerade den Boden, als ein Vorgesetzter zu mir kam und sagte:“Toth, ein Anruf von ganz oben…“. Erst da erfuhr ich, dass Sturm mich heute braucht. Zum Glück waren meine Vorgesetzten Sturmanhänger und ich durfte meinen Dienst vorzeitig beenden und fuhr in die Gruabn. Damals gab es noch keine fixen Rückennummern und irgendwie bekam ich dann ausgerechnet das Trikot mit der Nummer 9 in die Hand gedrückt und setzte mich damit ohne große Erwartungen auf die Ersatzbank. Mir ist relativ rasch nach meiner Einwechslung der Anschlusstreffer gelungen und ich war auch an der Entstehung eines weiteren Treffers beteiligt. Für mich im ersten Moment gar nichts Besonderes, schließlich hatte ich in diesem Frühjahr schon sehr viele Tore für LUV Graz erzielt. Jetzt eben eines für Sturm. Es war dann allerdings ein echt lässiges Gefühl mit der Mannschaft nach dem Spiel im „Reindl“ zu feiern. Davor kannte ich die meisten, damaligen Spieler ja gar nicht persönlich. Am nächsten Tag musste ich wieder im Militärspital Dienst verrichten und ich weiß noch, wie viele Menschen mich an diesem Tag auf mein Tor angesprochen haben. Ich hab danach gehofft, auswärts gegen Rapid erneut spielen zu dürfen, war zwar auch noch einige Male im Kader, kam aber leider zu keinem weiteren Einsatz mehr.“

KURZPORTRAIT ZWEIER WEITERER PROTAGONISTEN DIESES KRIMIS:

Gerd Wimmer: Wimmer galt als eine der größten Zukunftshoffnungen im österreichischen Fußball. Bekannt wurde er, als er 17-jährig für die Admira im Europacup gegen Juventus Turin ein Tor erzielte. In der Winterpause 1994/95 wurde er für ein halbes Jahr nach Graz verliehen. Sein einziges Tor für die Blackies gelang ihm beim ebenfalls legendären 6:0-Sieg gegen die Wiener Austria, zu dem er, erst Sekunden im Spiel, den sechsten und letzten Treffer beisteuerte. Wimmer kann von sich behaupten, Zeit seiner Karriere mit Sturm nie ein Spiel verloren zu haben, denn im Sommer kehrte er zur Admira zurück, 1997 wurde er von Rapid Wien verpflichtet. Es folgten Legionärsjahre bei Eintracht Frankfurt, Hansa Rostock und RW Oberhausen. Trotz seines Talents kam Wimmer nur auf fünf Länderspiele. 2006 erlangte er zudem traurige Berühmtheit, als er – wieder als Spieler der Admira – den Co-Trainer von Wacker Innsbruck attackierte und die Rekordstrafe von zwölf Spielen Sperre ausfasste. Bis zum Sommer 2008 war Wimmer noch bei den Austria-Amateuren unter Vertrag, musste danach aber erst 31-jährig seine aktive Karriere aus gesundheitlichen Gründen beenden.

(c) Privat

Andrej Tschernischov: Der Libero, der im Jänner 1995 von Spartak Moskau zu Sturm kam, war ein Verteidiger mit Weltklasseformat. Unter anderem kam er während der Europameisterschaft 1992 für das GUS-Team zum Einsatz. Menschlich hatten es die Verantwortlichen aber nicht immer einfach mit dem Russen: Mal war er weg, dann war er wieder da. Trotzdem war er in diesem Halbjahr der wichtigste Mann in Sturms Verteidigung. Tschernischov spielte insgesamt 47 Mal für die Schwarz-Weißen und erzielte dabei zwei Tore. Er wechselte danach zu Greuther Fürth, spielte später auch noch für Royal AntwerpenTorpedo Moskau, DSV Leoben und Bad Bleiberg. Zu Sturm gab es nach seiner Karriere nur noch einen Berührungspunkt, als Berater des wegen der Pass-Affäre in Erinnerung gebliebenen Spielers Ramiz Mamedov.

Spieldaten

Sturm Graz – LASK 3:3 (0:0)
Bundesliga, Runde 30
Samstag, 13. Mai 1995 – „Gruabn“ – 6.000 Zuschauer – SR: Alfred Wieser

Tore: 0:1 Linzmaier (53.), 0:2 Metlitskiy (Elfmeter, 60.), 0:3 Ramusch (76.), 1:3 Toth (79.), 2:3 Schopp (84.), Vastic (88.)

Sturm Graz:
Goriupp – Tschernischov – Milanic, Posch – Schopp, Prilasnig, Hörmann (24. Hopfer), Wetl, Neukirchner – Wimmer (62. Toth), Vastic

LASK:
Schicklgruber – Kartalija, Grüneis, Micheu (36. Dibold), Steininger – Ramusch, Linzmaier, Metlitskiy, Lorenz – Weissenberger, Sabitzer

 

4 Kommentare

  1. Bozo Bazooka sagt:

    Geiler Artikel. Dankeschön.

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  2. Nock-74 sagt:

    Kann mich noch gut ans Spiel erinnern. Ein Freund von mir hat kurz vor dem 1:3 die Gruabn verlassen, auf dem Weg zum Auto das 2:3 mitbekommen und als er dann das Autoradio eingeschaltet hat hat er gehört, dass die Partie 3:3 endete!! 🙂

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  3. brent_everett sagt:

    Ich war beim 4:3 gegen Innsbruck u beim 3:3 gegen Lask auf der alten Holztribüne. Diese Spiele waren natürlich prägend als Sturmfan u so stellt man sich Sturm u den Sturmgeist vor. Traurig genug, wenn wir uns jetzt mehr mit der Vergangenheit beschäftigen, als mit der Gegenwart. Glaubt ihr denn nicht auch, dass FF gegen die Austria wieder seine 0:0 Taktik auspacken u nach dem 0:1 f d Austria wieder versuchen wird das 0:1 nach Hause zu spielen…

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  4. Arch Stanton sagt:

    Was für ein Spiel!

    Und ich muss zugeben, ich hab‘ kein einziges Sturmtor geseh‘ n.

    iü.: Das Gruppenfoto sieht aus, wie eine freundliche Pieta!

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