Armutszeugnis in Grün-Weiß

Vor bereits mehr als acht Monaten ging dieser Artikel online. Dabei sollte am Beispiel der zwei größten Fanszenen des Landes aufgezeigt werden, dass der Umgang mit Ultras durchaus auch von mangelnder Fairness, größtenteils gar Unkenntnis über solche Gruppierungen und in Folge von Pauschalisierungen geprägt ist. Der „Einwurf“ schaffte es über die schwarz-weißen Grenzen, positive Resonanz war auch seitens Anhänger des Erzrivalen die Folge. Schade, dass die Grün-Weißen seitdem jedoch alles unternahmen, um den Beitrag praktisch gänzlich obsolet zu machen.

„Dem Woamen platzt a Wimmerl auf und ihr machts an Skandal daraus“, steht jüngst auf einem Transparent des harten Kerns der Grünen. Gemeint ist die Wunde des Austria-Kapitäns Raphael Holzhauser, die er im Derby von einem aus dem Block West geflogenen Feuerzeug davontrug. Dümmer geht es nun wahrlich nicht mehr. Zumal es Holzhauser überhaupt erst zu verdanken ist, dass Rapid nicht vorzeitig mit einem 0:3 unter die Dusche musste. Keinerlei Spur von Einsicht oder Selbstreflexion lässt sich erkennen. Stattdessen wird sich einmal mehr am Rundumschlag gegen die Medien bedient, als deren Opfer man sich offenbar erneut sieht. Auch die Ausrede, dass es sich um ein paar einzelne Idioten handelt, verliert damit zum wiederholten Male jegliche Gültigkeit. Ebenfalls provozieren die Hütteldorfer, selbiges gilt im Übrigen für den violetten Stadtrivalen, neuerlich mit einer Rhetorik, die das vehemente Weigern, Homophobie doch endlich aus der Kurve zu verbannen, unterstreicht. Ein Armutszeugnis in Grün-Weiß.

© Martin Hirtenfellner Fotografie

Kollege Georg Sander von 90minuten.at kritisiert hier völlig zurecht scharf die nach wie vor präsente Homophobie, vor allem in den Lagern beider Wiener Vereine. Leider verzichtet Sander jedoch auf das Aufzeigen von Gegenbeispielen, wodurch sich sein Beitrag nicht von den ohnehin stets zahlreich vorhandenen Pauschalverurteilungen unterscheidet. Denn wie es gehen könnte, das lebt die Nordkurve vor und nimmt dabei eine absolute Vorbildrolle ein. So wurden Gesänge wie „schwuler SCR“ bereits vor Jahren eingestellt, noch lange bevor das medial überhaupt zum großen Thema wurde. Homophobe oder rassistische Entgleisungen führen in Graz bekanntlich zum Rauswurf aus der Kurve. Derlei Erkenntnisse sind von den Wiener Kurvenbossen jedoch in keiner Weise zu erwarten, das sollte unlängst auch dem größten Optimisten und Verfechter von Ultra- und Fankultur klargeworden sein. Und womit die Grün-Weißen ein ums andere Mal davonkommen, ist unerträglich. Was es jetzt braucht, sind gezielte, harte Strafen, ohne Kollateralschäden zu verursachen. Soll heißen: Die oft geforderten „englischen Verhältnisse“ sind mit Sicherheit die am wenigsten erstrebenswerten. Doch das ein oder andere Geisterspiel täte dem Block West wohl gut, um die Tragweite dessen Verfehlungen zu erkennen. Einen plötzlich stattfindenden Lernprozess innerhalb der Fanclubs wird aber auch das nicht auslösen. Dafür wurden Mängel an geistigen Fähigkeiten bereits zu oft eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Einen solchen Prozess würde es jedoch brauchen, denn es liegt an den Fanclubs, die Richtung vorzugeben. Es bleibt also nur zu hoffen, dass andere Vereine, beispielsweise Sturm, nicht wieder einmal zum Handkuss kommen wegen Vorkommnisse, für die man nichts kann.

Dass Homophobie und andere Dummheiten in Österreichs Stadien nach wie vor überhaupt ein Thema sind, stimmt traurig. Selbiges gilt für den Umstand, dass Ultras einmal mehr pauschal in den Dreck gezogen werden und deren Reputation nachhaltig leidet. Doch verwundern darf das nicht mehr. Wer sich so verhält, Derartiges gutheißt oder in jedweder Weise zu verteidigen sucht, der hat nichts anderes verdient als Verachtung. Doch gerade in Anbetracht der niederschmetternden Ereignisse sei einmal mehr betont, wie glücklich man sich als Schwarz-Weißer über die Nordkurve schätzen muss. Während beide Wiener Fanlager lediglich Negativschlagzeilen verursachen und dabei die gesamte Anhängerschaft, auch den weitaus größeren, vernünftigen Teil, in ein schlechtes Licht rücken, der Ligakrösus nach wie vor gar keine Fanszene hat und die Kulissen in anderen Stadien ebenso weitestgehend nicht ligatauglich sind, ist die Grazer Fanszene Österreichs positives Aushängeschild geworden. Weil die Verantwortlichen dort auch etwas im Kopf haben und die „Bauern“ scheinbar früher im 21. Jahrhundert angekommen sind als manch Hauptstädter.

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14 Kommentare

  1. Gut das ist schon richtig und wir können uns als Sturm-Fans auch glücklich schätzen, dass wir mit Rassismus, Homophobie oder gar radikalen politischen Ansichten, in welche Richtung auch immer, in der Kurve keine Probleme haben. Aber dennoch sollten die zahlreichen Entgleisungen gegen Kainz vor ein paar Jahren nicht vergessen werden, denn für mich ist die tiefe Beleidigung seiner Mutter/Familie ebenfalls so schlimm.
    Solche Ausdrücke werden heutzutage in der Überempfindlichkeit bei gewissen Themen leider oft vernachlässigt für meinen Geschmack. Denn sind wir uns ehrlich: Wenn einem in der Emotion des Spiels mal ein „Heast du Woama, schleich di“ rausruscht, werden es zumindest die meisten bei klaren Kopf nicht mehr so meinen und schlussendlich wird auch keine Welt zusammenbrechen.

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    • elceezed elceezed sagt:

      du sagst es genau richtig. vor ein paar jahren. denn wie die kurve mit dem transparent über romano schmid reagiert hat, zeigt gegenüber der sauschädl aktion zweifellos: diese Kurve hat sich weiterentwickelt. kann man von anderen nicht behaupten

      0

  2. zdenek sagt:

    Beim Spiel am Samstag sind sehr wohl Feuerzeuge aus unserer kurve geflogen. Und zwar auf den Zeitschinder gegen Ende des Spiels, der im Strafraum simuliert hat. Er wurde nicht getroffen, aber ein paar Deppen meinen, das muss man jetzt den Wienern nachmachen. Eines sollte uns klar sein, sobald in Graz ein Gegenspieler getroffen wird, wird sofort abgebrochen und nicht erst beim 5. Vorfall dezent auf die Finger geklopft.

    Eines ist mir noch aufgefallen: In der Kurve warn ein paar Typen, die haben in der 1. HZ gg den schwarzen Wolfsberger „uga-uga“ gerufen. und gegen ende der partie sogar gegen eze. wir alle „eze-eze-eze“ und sie „uga-uga-uga“. verwiesen wurden sie nicht, nichtmal angemault.

    ich kann mich dann noch vage erinnern, als edi beim aufwärmen irgendwie verhöhnt wurde. weiß nicht mehr genau was da war. aber er hat mit einem hattrick geantwortet 😉

    natürlich soll man den emotionen freien lauf lassen, und da gibt jeder kraftausdrücke von sich, die alles-mögliche-phob sind. wir gehn ja nicht ins stadion um polit. korrekte debatten zu führen.

    aber es is schon ein unterschied dazu, mit dem vorsatz ins stadion zu gehn, um rassismus zu verbreiten, so wie die paar affen am samstag. oder die austrianer mit ihrer reichskriegsflagge. oder die rapidler, die versuchen, von ihrer eigenen sexuellen verwirrtheit abzulenken. alle sind schwul nur rapid nicht 😀 😀 😀

    aber im ernst unterstelle ich den grünen, dass sie versuchen das spielgeschehen mit inakzeptablen mitteln zu beeinflussen. und dass die liga da bis zum x-ten vorfall zuschaut bis lächerliche „konsequenzen“ ergriffen werden, ist gegenüber dem rest der liga eine frechheit. und dass der schiri die entscheidung über den abbruch an holzhauser abgibt is ja auch ein wahnsinn. wenn das so weitergeht kommen in hütteldorf bald die laserpointer zum einsatz.

    ich finds super, dass sich unsere organisierten von solchen idiotien distanzieren.

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    • Gernot Hofer Gernot Hofer sagt:

      In den 15 Jahren, in denen ich mittlerweile meistens in der Kurve stehe, ist mir so etwas noch nie untergekommen. Das soll aber nicht heißen, dass ich deinen Ausführungen keinen Glauben schenke. In solchen Fällen wendet man sich am besten an die Capos im 11er. Damit sollte sich das dann auch erledigen.

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    • Chris_19o9 sagt:

      Dann geh wie schon erwähnt zu den Capos oder handle doch gefälligst in Eigenregie wenn du die Typen ausfindig machen konntest, keiner von den Fanklubs wäre dir dafür böse.

      1+

  3. Neukirchner sagt:

    Irgendwann werden die Moralapostel sich durchsetzen und den Fans wird nur es nur noch im Sitzen gestattet sein reinzuflüstern:

    „Herr Holzhauser, das war unserer Meinung nicht zu 100% in Ordnung und wir sollten diese Unstìmmigkeit mittels Mediation bereinigen versuchen.“

    Nur wirds dann keine Fans mehr im Stadion geben und über den Fußball nur noch im Falter berichtet werden.

    9+

    • Schworza99 Schworza99 sagt:

      Es ist schon ein Unterschied ob ich ihn verbal beschimpfe oder mit etwas bewerfe. Er hat sogar geblutet. Auch wenns keine große Wunde war gehört so etwas sofort abgebrochen. Woher kommt die Selbstverständlichkeit im Stadion zu tun was man will. Gesetze gelten im Block West, in der Nordkurve etc. Sie gelten überall.

      Und es ist auch ein Unterschied ob ich schreie „Edi du Nudelkicker“ oder Affenlaute mache. Wieviele von jenen Trotteln würden zu Osim sagen: Hey du scheiß Jugo, lern mal gscheit Deutsch. Exakt keiner. Da spricht man immer von der Polizei und von Deeskalation…Diskriminierung ist verboten, ebenso Gegenstände auf andere Menschen werfen.

      Gegen Dinge wie Rassismus und Homophobie gehört einfach beinhart durchgegriffen. Ich bin stolz das unsere Jungs und Mädels durchgreifen, auch wenns immer wieder Vorfälle geben wird.

      7+

    • Neukirchner sagt:

      Die völlig unbescholtene Mutter eines ehemaligen Sturmkickers wird von hunderten als Prostituierte besungen = STURM FANS GUT

      Der seit Jahren provozierende Holzhauser als Woama = RAPID FANS so böse

      Sorry, das ist schon a wengerl eindimensional gedacht

      11+

    • Arch Stanton sagt:

      Lieber Neukirchner!

      Ich muss Dir bedingt recht geben. Wenn einzelne Kicker wodurch auch immer provozieren, so sei es dem geschätzten Zuseher schon gestattet, je nach Herkunft und Erziehungsgrad seinen Unmut zu äußern. Und sollte einer sich in der Wortwahl vergreifen, weil es sein Gemütszustand gerade so gebietet, naja dann sei‘ s drum, wir sind ja nicht am Campus der Sorbonne.

      Aber Spruchbänder mit Beleidigungen sind da schon etwas anderes. Die entstehen ja nicht spontan im Augenblick der Unbeherrschtheit.

      Und Feuerzeuge sind einfach noch immer zu billig..

      8+

    • Schworza99 Schworza99 sagt:

      Der Umgang mit Kainz war halt auch unterste Schublade. Nur in der Situation sprach halt auch viel Frust mit. Entschuldigt die Wortwahl nicht nur waren die Umstände um den Wechsel halt auch nicht ideal.

      Was in Wien passiert ist schon eine ganz andere Qualität. Dort werden Jugendspieler des Rivalen zusammengeschlagen. Kann mir nicht vorstellen wie unsere Ultras einen Jungen der Roten auflauern und ihn überfallen. Da habe ich selbst in unsere extremsten Ultras das Vertrauen das sie zumindest eine Art Ehrenkodex besitzen. Wenns sich schlägern wollen sollens in den Wald gehen, wos keine Unbeteiligten treffen kann.

      Zudem wird bei Rapid auch nicht durchgegriffen. Jemand, der beim Derby den Platz vermummt stürmt ist ein paar Jahre später Ordner…also Entschuldigung aber so geisteskrank kann man nicht sein einen gewaltbereiten Fan zum Ordner zu erheben. Ich würde als Spieler um meine Sicherheit fürchten wenn ich bei den Grünen auflaufe. Würde sowas bei Sturm passieren würde ich mich aufregen bei der Liga, Polizei etc..als Sturm Fan wohlgemerkt.

       

       

      3+

    • Nock-74 sagt:

      @Neukirchner: und eines sollte man auch nicht außer Acht lassen, so schlimm wie beim Kainz kommt das bei Sturm alle heilige Zeiten vor, bei Rapid gibt es aber in jedem Spiel irgendwelche Vorfälle!

      2+

    • Sehr guter Text „Neukirchner“, widerspiegelt auch meine Meinung zum Großteil. Wenn Holzhauser als Sohn einer „losen Dame“ am Spruchband bezeichnet worden wäre, gäbs es höchstwahrscheinlich leider viel weniger Aufregung. Scheinbar sind für diese Moralapostel, wie du sie nennst, solche Sachen weniger schlimm als Homophobie. Wobei ich mit diesem Wort sowieso nichts anfangen kann. Denn warum sollte man beim Wort „Woama“ sofort gegen alle Homosexuelle „allergisch“ sein / ein Problem haben?! Völliger Blödsinn in meinen Augen! Aber driften wir nicht zu weit vom Thema ab…

       

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    • Schworza99 Schworza99 sagt:

      Es gibt halt einen eklatanten Unterschied:

      Kainz wurde beleidigt weil Fans der Meinung war er hätte Sturm geschadet. Ist auch nicht schön aber lässt sich nicht verhindern.

      Holzhauser wurde physisch angegriffen und obwohl er einen Abbruch verhindert hat beleidigt. Hier wird nicht aus Loyalität zum Verein gehandelt sondern weil man sich einfach aufführen will. Und wenn man jetzt Schwule mit Holzhauser gleichsetzt als Rapid Fan, ist das eine politische Botschaft und keine Reaktion auf irgendwas…wie kommt diese Minderheit dazu? Wo ist die rote Linie?

      Erstere sind Ultras, die für den Verein leben. Die schießen auch übers Ziel oft hinaus aber zumindest ist Gewalt offenbar kein Thema.

      Zweitere sind einfach Verbrecher. Ist jemand ein Unsympathischer Mensch wie der Holzhauser is mir sein sexuelle Orientierung wurscht…aber wenn ich diese als Beleidigung einsetze versuche ich nur Hass zu schürren. Und sowas hat im Fussball nix verloren. Nichtmal im Block West.

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