„AMOL WOOS GOONZ ONDARES, HA?“

Plötzlich findet sich ein Nordkurven-Abonnent beim Eishockey-Schlager wieder.

Die Winterpause treibt seltsame Blüten. Plötzlich findet sich ein Nordkurven-Abonnent beim Eishockey-Schlager wieder. Und bevor ein Shitstorm losbricht: Hier handelt es sich um den Bericht eines Hockey-Laien. Von „gebastelten“ Gesängen, Fußball-Vergleichen und einer vertrauten Stimme. 
 
Vierzehn Jahre ist es inzwischen her, dass zum letzten Mal ein Hallenfußball-Turnier in der Liebenauer Eishalle stattgefunden hat. Eine junge Truppe rund um Klaus Salmutter, Johnny Ertl und Christian Gratzei holte damals den Titel für Sturm. Nach zwei Turnieren in der sterilen Stadthalle war’s vorbei mit Bandenzauber und Parkettkick – obwohl sich bis heute unzählige Fans ein Wiederaufleben wünschen. Verletzungsgefahr, dichte Terminkalender, etc. werden ins Treffen geführt. Schade, angesichts der Tatsache, dass Graz inzwischen mit der innen neu konzipierten Eishalle über eine richtig feine Spielstätte verfügt. Und da die Winterpause eine fußballerisch sehr, sehr, karge Zeit darstellt, erwischt man sich schnell einmal bei anderen Sportarten vorbei zu schauen, um ein bisserl Hallen-Luft zu atmen.

© Philipp Braunegger

Gesänge aus dem Bastelkasten

Eishockey. Graz war schon immer eine Hochburg des selbigen, erlebte mit dem ATSE und EC Graz ruhmvolle Zeiten und mitreißende Atmosphäre. Die 99ers konnten bisher nicht in allzu hohe Sphären vordringen. Das Playoff war meist das Höchste der Gefühle. Manche Partien haben trotzdem ihren Reiz. Wie jenes gegen Rekordmeister KAC. Packderby nennen das manche hier. Stadiongeher kennen den Begriff vom Duell Sturms gegen die Wolfsberger – und werden ihn (zurecht!) nie aussprechen. Am Eis bereitet diese Partie hingegen echte Brisanz, weswegen man sich gar als Nordkurven-Geher hinreißen ließ, vorbei zu schauen. Die Vorzeichen: vielversprechend. Ausverkauftes Haus, über 4000 Leut‘. Im neuen „Bunker“ eine Premiere. Nicht vor Ort: jene Kicker der Schwarz-Weißen, die regelmäßig vorbeischauen, wie Peter Zulj. 99ers-Spielmacher Daniel Oberkofler (mit dem der Schreiber dieser Zeilen einst in der Sturm-Jugend die Kickpackln zeriss) verriet kürzlich, dass Zulj einen eigenen kleinen Fanklub bei den Eishacklern hat. Entsprechend voll waren auch die beiden Fankurven, jeweils hinter den Toren. Und man muss sagen: Das was die Kärntner im Fußball vermissen lassen, schaffen sie beim Eishockey. Gut 300 KAC’ler füllten den Block und machten sich durchgehend bemerkbar. Zu Beginn neben einer kleinen Blockfahne mit einer Konfetti-Choreo (die sogar den Matchbeginn verzögerte) und während des Spiels durchgehend mit beachtlichem Support, untermalt von stetem Fahnen- und Klatscheinsatz. Man muss es nochmal sagen: Kärntner Sportbegeisterten hätte man sowas nicht zugetraut, wenn man wieder den Kick-Vergleich hernimmt. Aber jenseits der Pack steht man eben voll aufs Puck-Dreschen. Das geht soweit, dass – ja, kein Schmäh – es bei Derbys gegen den VSV nicht selten zu Reibereien zwischen den Fangruppen kommt. Aber solche „Szenen, die wir nicht sehen wollen“ gibt’s rund um die Eishalle diesmal nicht. Die Kärntner Busse parkten mitten am Gelände vor der Halle.

Nun aber zu den Heimischen. Die Grazer Eishockey-Fans sollen die kritischsten von ganz Österreich sein, so eine weit verbreitete (Ex-)-99ers-Trainermeinung. Solche Floskeln sind dem Sturmfan vertraut. Heute aber wird ordentlich Gas gegeben. Fahnen sind kaum zu sehen, ganz vereinzelt gibt’s Doppelhalter. Im Fußball spräche man jetzt von „englischem“ Support (wobei man auch auf eine Art Vorsänger setzt; Megaphon braucht dieser keines), während sich die karintische Gegenseite auf „italienischen Tifo“ bezieht. Inhaltlich fällt dem Nordkurven-Kenner schnell auf: Im Bunker mixt man sich die Fangesänge recht beliebig zusammen. Chants, die man vom Block West kennt, werden „eingegrazert“ („Von der Donau bis zur Mur…“), die Kärntner nehmen Anleihe bei der Nord und intonieren regelmäßig „rot und weiß das sind die Farben, die wir in unserem Herzen tragen“. Als Schwarz-Weißer eine derartige Verballhornung mithören zu müssen (vor allem: die Farbe. Die Farbeeeee!!!!), tut gelinde gesagt weh. Den Grazern ist zugute zu halten, dass das „Grazer! Grazer!“ doch recht gut kommt und der Support eben sehr spielabhängig ist. Heute läuft es leider nicht wirklich für die Heimischen. Nach einem überzeugenden, aber torlosen, ersten Drittel, verliert man in weiterer Folge immer mehr den Faden, die Gäste erweisen sich als abgeklärter und nutzen u.a. Zeitstrafen der 99ers aus, weshalb am Ende ein 4:1-Triumph zu Buche stehen musste.

© Philipp Braunegger

Vertraute Stimme

Als Laie, dessen Heimat von der Eishalle aus gesehen etwas nördlicher liegt, achtet man eh mehr aufs Treiben auf den Tribünen. Richtig mitgehen tun längsseitig die wenigsten. Schade. Was auffällt: Ordner (oder gar Polizei!) sucht man bei den Kurven vergeblich. Wäre aber witzig wenn da auch die kultig-lächerlichen Stewarts postiert wären wie im internationalen Fußball – leider – üblich. Zu sehen bekämen sie längsseitig wenig. Da sitzt der Kärntner BWL-Student friedlich neben dem Grazer Hallen-Veteranen, der auch schon mit den legendären „Elefanten“ mitgelitten hat. Kurz: Die Stimmung ist hitzig, aber nie richtig heiß. Heiß werden lässt einen allerdings der traurige Umstand, dass gewisse Gesänge, die auf der Nord undenkbar wären, in der Halle noch immer frenetisch wiedergegeben werden. „Schwuler KAC“  – das ist nur dumm. Obwohl bekanntlich und bedauerlicherweise auch die Wiener Kurven sowie die Rieder Partie derartiges im Stadion immer noch intonieren.

Was vertraut ist: Die Stimme des Platzsprechers. Lucky Krentl ist auch hier seit vielen Jahren aktiv. Und es fremdelt, wenn man über die ganze Spieldauer kein „Küss die Hand, meine Damen“, „… die offizielle Nachspielzeit in der ersten Hälfte …“, „Eine Durchsage in eigener Sache…“ und weitere Krentl-Evergreens hört, die verlässlich bei jedem Sturmspiel wiederkehren. Gottlob nicht dort vorkommend sind die extrem nervige Zwischenrufe eines „Stimmungsmachers“, der fragt, wo denn „die Fans der Moser Medical Graz 99ers…“ sind. Der integrierte Sponsorname lässt es erst lächerlich erscheinen und dient dazu einem „Lärm-o-meter“ zu aktivieren.

„Nit so kold, ha?“

Mit Ende des Spiels haben die Kärntner auch auf in der Kurve klar die Überhand gewonnen. Den „ATSE-Walzer“ tanzt heute keiner der Heimischen. Beim Abgang trifft man noch einen Bekannten der hier bei jedem KAC-Gastspiel zugegen ist. Stolzer Klagenfurter. „Du a doo? Des is hold amool wos gooonz ondares, ha? Und kold is a nid so wie bei deine Fuaßbolla…“ Stimmt. Was anderes ist es in der Halle ganz sicher. Am Heimweg freut man sich daher schon auf Sturms Nachwuchscup in der ASVÖ-Halle ab dem 3. Jänner. Und heimlich hofft man, dass es einmal auch wieder ein Turnier der Großen gibt. Gern im „Bunker“. Vielleicht scheiberln uns dann die Nachwuchs-Blackys, die nächste Woche im Einsatz sind, zum Turniersieg wie einst Salmutter, Ertl und Co.. Aber das ist eine „goonz ondare“ Geschichte…

 

3 Kommentare

  1. mahoni sagt:

    Kleiner Einwurf:

    Die Elefanten waren niemals legendär und diese 99ers werden es auch niemals sein. Eine Kartnig-Erfindung, der viele ATSE-Fans aus dem Bunker trieb. Danach der nächste glorreiche Einfall, als die Kurven-Fans, die einst ganz oben auf der Längsseite standen, gleich neben dem in riesigen Lettern angebrachten Rauchverbot-Buchstaben in einen Käfig hinter das Tor gesperrt wurden. Die Spieler beschwerten sich regelmäßig über die schlechte Luft, weil geraucht hat dort jeder. Dort waren Fußball schwarz und rot so halbwegs friedlich vereint, auch bei Auswärtsfahrten. Zu dieser Zeit war der Grazer Fußball tot und ich kann mich noch sehr gut erinnern, als wir Sturm-Fans nach den vielen trostlosen Kicks die wir serviert bekommen haben mit dem Vorweis der Sturm-Eintrittskarte gratis in den Eisbunker durften. Zumindest ein oder zwei Spiele war das der Fall. Für den ATSE eine gute Investition. Von dieser Längsseite ging eine Stimmung aus, von denen sogar die Kanadier schwärmten. Wayne Groulx, Doyle und Co. waren Legenden. 2000 bis 3000 Grazer Fans bei Spiele in Klagenfurt oder Villach waren zu dieser Zeit keine Seltenheit. Nicht selten ging es bei diesen Spielen heiß her.

    Mit der Erfindung des EC Graz mit dem Hauptsponsor Ottakringer (das wohl wie alle Biere da draussen, eher als Lulu-Wasser durchgeht) ging diese tolle Grazer Eishockey-Zeit dann leider bald zu Ende.

     

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  2. Gustlig sagt:

    Kleiner Einwurf:

    Die Elefanten, sagst du, waren „niemals legendär,“ wohingegen Groulx und Doyle „Legenden“ waren? Du vermischt hier definitiv Nostalgie und rigiden Traditionalismus. Beide Spieler waren am Höhepunkt ihrer Karriere bei den „Ottakringer Elefanten,“ und dieser Klub konnte für ein paar Jahre absolut die Massen begeistern. Das waren die 90er, der postmoderne Traditionalismus war noch nirgendwo, und Erfolg war Erfolg war Erfolg – genau das war ja Kartnig’s Sprungbrett zu Sturm, genau deswegen gabs ja null spürbaren Widerstand als er plötzlich ein Klublogo in Grün und Blau präsentiert hat. 

    Noch zwei Fragen: gab doch vor gar nicht so langer Zeit noch eine ATSE Neugründung, a la Austria Salzburg? Verschwunden?

    Und: die Rieder Fanszene, hier angesprochen, sticht sowieso heraus, extrem proletuid, aber auch ein bissi charmant. Von Homophobie hat dort wohl noch nie wer gehört.

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    • Gustlig sagt:

      Ausserdem, vergiss nicht, der EC 1989 war ein Fusionsprodukt (ATSE&UEC, beide in der Nationalliga) mit Kartnig Branding, nicht nur eine simple Übernahme. Und „3000“ Grazer beim KAC, wo die Halle damals nur das doppelte (mit Stehern) fasste, das zeigst mir auch. Bei aller Liebe zum alten ATSE, aber das ist doch eher Kitsch was du hier schreibst.

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