Als ein Fürst in Graz Hof hielt

Giuseppe Giannini – Der Sensationstransfer im Sommer 1996

Vor 20 Jahren passierte in Graz etwas, wofür Fußballfans auf der ganzen Welt diesen Sport so lieben. Von einem Wunder zu reden wäre untertrieben, man konnte zweifelsohne von einen echtem Märchen sprechen. Der Star vom AS Roma, Giuseppe Giannini, von dem italienische Medien immer wieder behaupteten, er gehöre zu Rom wie der Papst und der Petersdom, erlebte sein persönliches Avignon und wechselte zu Sturm Graz.

Giannini war kein ausrangierter Altstar, nein, der Italiener war bei Vertragsunterzeichnung erst 31, wurde auch nicht von dubiosen Spielervermittlern angepriesen. Giannini war „Il Principe“, der Fürst, so wurde er bereits 17-jährig genannt, weil „kein anderer Kicker am Stiefel von solcher Engelsgestalt und Leichtfüßigkeit sei„. Von 1982 bis 1996 hielt er den Giallorossi die Treue, war der uneingeschränkte Publikumsliebling in der ewigen Stadt und absolvierte 318 Spiele in der Serie-A. Zudem nahm er mit der italienischen Nationalmannschaft an der Europameisterschaft 1988 und vor allem an der Heim-Weltmeisterschaft 1990 teil, wobei für die Squadra Azzura erst jeweils im Halbfinale Endstation war. Fakten die aber noch keineswegs den Stellenwert verdeutlichen den Giannini in Italien genoss.

Dass der Mittelfeldspieler überhaupt zu haben war, lag an Roma Präsident Franco Sensi, einem millionenschweren Unternehmer aus der Erdölbranche und seit 1993 im Amt. Ständig gab es Krach, das Band war zerschnitten und Peppe wollte nichts wie weg. Die fußballverrückten Tifosi versuchten alles, forderten den Rücktritt von Sensi, sammelten Unterschriften, doch auch stundenlange Sprechchöre nach seinem letzten Spiel im Olympiaco nützten nichts. Zudem hatte er genug vom nicht mehr ertragbaren Rummel, der zu jener Zeit in Italien schon oft lebensbedrohlich wurde. Giannini hatte zwar Angebote von vielen Topclubs, allerdings wäre ein Wechsel innerhalb Italiens für ihn als echten Romanisti undenkbar gewesen und außerdem sei ja Graz beinahe eine Vorstadt von Rom und er wollte unbedingt noch einmal in seiner Karriere im Ausland spielen.

Zudem passte er genau ins Transferprofil von Sturm Präsident Hannes Kartnig („Gut spielen müssen sie können und vor allem schön müssen sie sein“) und so gab es am Abend des 15. Juni 1996 die überraschende Einigung und der Italiener unterschrieb einen Zweijahresvertrag. Seinen zukünftigen Arbeitsplatz, die legendäre Gruabn, hatte er zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht gesehen, da Kartnig nicht wollte, dass „die Borkenkäfter ihn ans Seidenhemd gehen“. Der Fürst begnügte sich stattdessen mit einen Blick auf den Rohbau des neuen Liebenauer Stadions. Schon eher passend war dann, dass bei der offiziellen Präsentation des neuen Kaders 6.000 Besucher dem Italiener zujubelten, zwei Mädchen in Ohnmacht fielen, die Ultras Roma ihren Capitano nochmals hochleben ließen und im Anschluss auch noch Hannes Kartnig als „den einzig wahren Presidente“ feierten. Gelassen regierte wie immer Trainer Ivica Osim auf den Hype, der nach einer Anfrage um ein gemeinsames Foto mit seinem neuen Star nur meinte „man solle eins auf der Trainerbank machen, denn da werde Peppe des Öfteren während eines Spieles Platz nehmen. Höchstens die Bundesliga erlaubt es uns ins Zukunft mit zwei Bällen zu spielen, einen für Vastic und einen für Giannini.“

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(c) Privat

Die Saison begann für den Italiener schleppend. Zwar saß er vom Start weg natürlich nicht auf der Bank, gewann mit Sturm schon im Juli seinen ersten Titel – den Supercup in Kapfenberg gegen Rapid Wien – allerdings waren seine körperlichen Defizite noch unübersehbar und obwohl er zwei Mal pro Woche zum Deutschkurs ging, haperte es auch noch an der Kommunikation mit seinen Mitspielern. Auch das unglückliche Ausscheiden im Europacup gegen Sparta Prag tat das Seinige. Allerdings konnte man den genialen Spielmacher nie absprechen, mit vollem Einsatz bei der Sache zu sein. In den ersten fünf Spielen sah er viermal Gelb. Und nicht nur die Schiedsrichter schossen sich auf ihn ein, auch die österreichischen Gazetten, die seinen Namen meist nur mehr in Verbindung mit Millionenbeträgen brachten.

„Wegen dem Geld bin ich nicht hier. Ich will hier nur meinen Frieden haben, aber wenn ich hier nicht gebraucht werde, gehe ich zum Präsidenten und wir lösen den Vertrag.“ (Giannini über seine Motivation in Graz zu spielen)

Am 2. Oktober 1996, beim Bundesliga-Spiel gegen Austria Wien, erzielte der Fürst nach Vorarbeit von Mario Haas sein erstes Tor, zog sich danach das Trikot aus und lief mit schwarzen Unterhemd eine Runde quer über den Platz, was wiederum eine Gelbe Karte nach sich zog. Doch das war ihm egal, das Eis schien gebrochen, aber nur zwölf Minuten später fällte er in der Nähe der alten VIP-Tribüne einen Austria Spieler und wird von Schiedsrichter Hänsel mit „Glattrot“ in die Kabine geschickt. Der Ausschluss zog eine Sperre von vier Spielen nach sich und somit war der Herbst mehr oder weniger gelaufen. Er kam nur noch bei der bitteren 1:3-Heimniederlage gegen die Admira, bei der er allerdings noch der beste Sturmspieler am Platz war, und beim Skandal-Derby gegen den GAK in Kapfenberg (2:2, Schiedsrichter Fritz Stuchlik!) zum Einsatz, in dem er allerdings bereits nach 45 Minuten ausgewechselt wurde.

Als Titelkandidat gestartet, musste Sturm Graz auf den sechsten Tabellenrang überwintern, auch für Trainer Ivica Osim war es ein verlorener Herbst. Von der Welle der Euphorie von der die Blackies zwei Jahre getragen wurden, musste jetzt heruntergekommen werden. „Wir müssen jetzt versuchen, das Beste daraus zu machen.“ Natürlich gab es im Sommer zuvor sehr viele Ab- und Zugänge, zudem waren fast alle Stammspieler zumindest einmal verletzt, aber auch die übertriebene Euphorie um den Italiener hatte seinen Teil zur Krise beigetragen.

„Er war nicht bereit. Seine Kraft hinkt meilenweit hinter seinem Können her“ (Ivica Osim retrospektiv über den Italiener)

Im Frühjahr 1997 steigerte sich sowohl die Leistung von Giannini als auch die der gesamten Mannschaft, doch immer wieder kommt es zu Gerüchten, dass der Italiener seinen Vertrag nicht erfüllen wird. Sein Manager bringt immer wieder neue Vereine ins Spiel und am 15. April kommt es dann zum großen Knalleffekt: Il Principe und Kartnig lösen den Vertrag. Der von Heimweh geplagte Peppe kommt vor Trainingsbeginn in die Gruabn, gibt seine Trainingsutensilien ab und macht einen befreiten Eindruck. „Ich fahre jetzt nach Rom und mach einmal Urlaub. Ich werde aber keine schlechten Erinnerungen an Graz mitnehmen, sportlich hat es halt hier nicht gepasst.“ Einen Tag später gewinnt Sturm das Bundesliga-Spiel gegen die Admira mit 7:0.

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(c) Panini / Das Giannini-Jahr

Giannini spielte insgesamt 20 Mal für Sturm Graz, erzielte zwei Tore, erhielt neun Gelbe Karten und steuerte auch ein Tor zum Cupsieg 1996/97 – beim Auswärtsspiel gegen den SV Spittal – bei. Trotzdem darf Giannini nicht als „Fehlkauf“ oder gar „Absahner“ in die Sturm Geschichtsbücher eingehen. Wäre er im Sommer zu einem anderen Vereinen gewechselt, hätte er garantiert das Drei- bis Vierfache lukrieren können, bei Sturm entwickelte sich erstmals echtes Merchandising, welches in dieser Saison voll auf Giannini zugeschnitten war und der Verein wurde dank dieses Transfer-Coup zweifellos europaweit bekannt.

Giuseppe Giannini kickte danach noch zwei Jahre für den SSC Neapel und bei US Lecce und beendete seine Karriere im Sommer 1999. Nach mehrerern Stationen als Trainer übernahm er 2008 den apulischen Verein Gallipoli Calcio und führte dieses Team bereits im ersten Jahr in die Serie B. 2010 unterschrieb er einen Zweijahresvertrag bei Sturms ehemaligen Europacup-Rivalen Hellas Verona, wurde aber im November desselben Jahres wieder entlassen. Ein weiteres Kurzgastspiele bei US Grosseto folgte, im Juli 2013 wurde er Teamchef des Libanons, ein 5:2 gegen Thailand und ein 2:0 gegen Syrien blieben die einzigen Siege in Vorderasien. Seit April 2015 wartet Peppe wieder auf eine neue Aufgabe.

 

In dieser Reihe bisher erschienen:

Teil 1: Ein Trainer ohne Mannschaft

Teil 2: Gegen den Strom

Teil 3: Einen Wetl wird Giannini nicht ersetzen können

Teil 4: Die Gruabn – Für immer die Heimat des SK Sturm

Teil 5: Es wurde nicht immer mit fairen Mitteln gekämpft

Teil 6: „Ich will mich nicht mehr jeden Tag schämen“

 

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