15 Saisonen mit Christian Gratzei

Ein Torhüter für die Ewigkeit

Sommer 2002. Brasilien ist mit dem „echten“ Ronaldo soeben Weltmeister geworden, einige Monate nach der Euro-Einführung gewöhnen sich die Österreicher langsam an die neue Währung, Angola ratifiziert das Ottawa-Abkommen über die Ächtung von Anti-Personen-Minen und beim SK Sturm unterschreibt ein junger Obersteirer.

Grundsätzlich scheint dies nichts Besonderes zu sein, jedes Jahr werden beim SK Sturm einige Spieler neu unter Vertrag genommen, um dann ein paar Jahre zu glänzen, hin und wieder zu spielen, oder das was Jelani Smith eben so gemacht hat. Steht ebendieser Spieler, der da vor vielen Jahren verpflichtet wurde, nun aber in seiner 15. Saison beim selben Verein im Kader, so könnte und sollte man hellhörig werden.

Christian Gratzei

Christian Gratzei, geboren 1981 in Leoben, steht seit nunmehr 15 Spielzeiten in Diensten und seit ebenso langer Zeit mehr oder weniger regelmäßig im Tor des SK Sturm Graz. Damit ist er der mit Abstand längstdienende Spieler des aktuellen Kaders und sogar der ganzen Bundesliga. Steffen Hofmann hat zwar auch 2002 erstmals in Wien unterschrieben, war zwischendurch aber ein halbes Jahr bei 1860 München. 15 Jahre sind eine lange Zeit, Gratzei hat viel gesehen und viel erlebt. Vom Krieg kann er uns zwar nichts erzählen, aber dafür von Konkurs, Meistertitel, Busblockaden und Siegesfeiern, von vielen Trainern und sogar den Ausläufern der Ära Osim.

Man ist versucht zu glauben, dass ein Mann, der über eine so lange Zeit einem Verein treu bleibt, sportlich unangefochten ist – oder zumindest über lange Jahre war – und ein Liebling der Fans sein müsste, schließlich ist Vereinstreue ein rares Gut in den heutigen Zeiten des modernen Fußballs, Wechsel wurden in der Vergangenheit schon nach kürzeren Zeiten per Schweinskopf und ähnlichem kommentiert. Bei Steffen Hofmann und Thomas Gebauer, gemeinsam mit Christian Gratzei gewissermaßen das „Triumvirat der Vereinstreue“, ist dies auch durchaus der Fall. Gebauer hat in den letzten Saisonen zwar leistungsmäßig etwas abgebaut und Hofmann ist schlicht und einfach alt, aber dennoch stehen beide in der Gunst der Fans ganz weit oben. Bei Gratzei verhält sich die Sache aber etwas anders. Möglicherweise steht ihm hier sein enges Verhältnis zu Trainer Franco Foda etwas im Weg, um die Herzen der Fans wieder so zu erobern, wie er es zwischenzeitlich schon geschafft hatte. Auch die Sache mit der Vereinstreue hat einen kleinen Makel, wie erst vor wenigen Monaten bekannt wurde, hatte Gratzei im Winter 2010 rund 35.000€ an einen angeblichen Spielervermittler gezahlt, der ihm einen Transfer zu einem russischen Topclub versprochen hatte. Aus der Sache wurde bekanntlich nichts, seit diesem gab es dann allerdings wirklich keine Wechselgerüchte mehr um ihn, was auch an den schwächer werdenden Leistungen liegen könnte.

Erste Erfahrungen

2002/03: 27 Bundesligaeinsätze Heinz Weber, 6 Christian Gratzei, 4 Daniel Hoffmann

Ich bin nicht übergewichtig, bei Sturm sind nur die Torwarttrikots so eng geschnitten. – Daniel Hoffmann

An dieser Stelle gleich ein allgemeiner Hinweis: Sollten sich die Einsätze der Keeper in einer Saison nicht auf 36 aufsummieren, so liegt dies nicht an einer Rechenschwäche des Autors, sondern schlicht daran, dass während eines Spiels der Torwart gewechselt wurde.

In einer Saison geprägt vom Abgang Ivica Osims und fußballerischem Misserfolg sammelt der Leobener seine ersten Bundesligaerfahrungen. Nachdem im Vorjahr nur der in der Sommerpause wegen finanziellem Selbstmord aufgelöste FC Tirol vor den Grazern gestanden war, machte man sich in der Steiermark durchaus Hoffnungen auf den nächsten Meistertitel. Tatsächlich wurde es letztendlich nur Rang 6, dazu kam eine 0:5 Niederlage im Derby gegen den GAK mitsamt darauffolgender kurzfristiger Suspendierung von „Fliegenfänger“ (Originalzitat Kronen Zeitung) Heinz Weber. Der Ex-St. Paulianer war erst im Sommer aus Tirol gekommen und sollte Sturm nach einem Jahr auch schon wieder in Richtung Untersiebenbrunn verlassen. Der Deutsche Daniel Hoffmann, angeblich nur wegen einer Verwechslung auf Seiten Hannes Kartnigs bei Sturm gelandet, konnte dank neun Gegentreffern in vier Spielen auch nicht grenzenlos überzeugen, und so schenkte Trainer Franco Foda zwischen der Weber´schen Suspendierung und der Aufhebung ebendieser dem jungen Leobner Christian Gratzei das Vertrauen, das dieser mit Leistungen zurückzahlte, die zumindest gut genug waren, um seinen deutschen Teamkollegen auf Distanz zu halten. Dieser unterhielt den Sturmanhang derweil verbal: „Ich bin nicht übergewichtig, bei Sturm sind nur die Torwarttrikots so eng geschnitten.“ Gratzei absolvierte seine erste Saison mit durchschnittlich 1,50 Gegentoren/Spiel

2003/04: 17 Bundesligaeinsätze Filip De Wilde, 16 Thomas Mandl, 4 Alexander Knezevic

An diese Saison wird sich der geneigte Sturmfan mit einem gewissen Grausen zurückerinnern. Dieses Gefühl soll nicht zur Gänze heraufgerufen werden, daher hier nur ein paar Stichworte: Gilbert Gress, Gerade-noch-so-Nichtabstieg, rote Meisterfeier in der Stadt.

Weber weg, Hoffmann weg, Weg frei für Christian Gratzei? Theoretisch vielleicht ja, aber nein. Im Sommer wurde der steinalte erfahrene Belgier Filip De Wilde (damals immerhin 39 Jahre alt) vom RSC Anderlecht verpflichtet. Dieser absolvierte dann quasi alle Partien der Herbstsaison, rund 1,3 Gegentore/Spiel waren aber nicht genug, um ihn weiter beim Verein zu halten. Im Laufe der Herbstsaison hatte nämlich Thomas Mandl, damals immerhin Nationalteamtorhüter, seinen Stammplatz bei der Wiener Austria an den großartigen Joey Didulica verloren, was für einen Platz im Team im Allgemeinen und unter dem „variationsfreudigen“ Teamchef Krankl im Besonderen eher ungünstig war. Also wechselte der damals auch noch recht junge Mandl im Winter leihweise nach Graz, wo inzwischen Michael Petrovic die Leitung übernommen hatte, De Wilde kehrte nach Belgien zurück, wo er im Sommer 2005 in den Wochen vor seinem 41. Geburtstag dann seine Karriere beendete. Alexander Knezevic stand zwischen 1998 und 2004 im Kader der Blackies, konnte im Herbst 2003 Gratzei als Nummer Zwei verdrängen und De Wilde einige Male vertreten. Insgesamt kam der Steirer in den sechs Jahren beim SK Sturm auf nur fünf Bundesligaspiele, nach einem Jahr beim SV Pachern beendete er seine Karriere relativ früh.

Rückschläge und der Durchbruch

2004/05: 24 Bundesligaeinsätze Christian Gratzei, 15 Radovan Radakovic

Rado-wer? Es ist Sommer 2004, die Leihe von Thomas Mandl war ausgelaufen, Knezevic war auch weg, der SK Sturm steht also nur mit einem bundesligaerprobten Torhüter da, und dies ist ein relativ unerfahrener, junger Obersteirer. Zu wenig für Cheftrainer Petrovic, er fordert einen neuen Keeper, den er mit dem Serben Radovan Radakovic von Partizan Belgrad auch bekommt. Zwar ein Verein mit klingendem Namen, aber leider klingelt es in Graz vorwiegend im eigenen Kasten. Radakovic war immer ein gewisser Unsicherheitsfaktor einer ohnehin nicht wahnsinnig stabilen Defensive. Dies bemerkt auch der Trainer, Verletzungen tun ihr Übriges. Radakovic wird nie der erhoffte Rückhalt und Stammtorhüter, im Laufe der Saison wechselt er sich mit Gratzei immer wieder ab, wobei dessen Leistungen im Allgemeinen über jenen des Serben liegen. Dieser verlässt Sturm im Winter nächsten Jahres, Gratzei beendet die Saison als „Einserkeeper“ mit einem Schnitt von 1,04 Gegentreffern/Spiel

2005/06: 36 Bundesligaeinsätze Grzegorz Szamotulski
Szamotulski 2011 im Dress von Warta Posen. Von Roger Gorączniak - Warta - Wisła 112.jpg, CC BY 3.0

Szamotulski 2011 im Dress von Warta Posen.
Von Roger Gorączniak – Warta – Wisła 112.jpg, CC BY 3.0

Trotz dieser durchaus beachtlichen Zahlen wird Christian Gratzei erneut ein neuer Torwart vorgesetzt. Der Pole Grzegorz Szamotulski hatte vorher bei der Admira starke Leistungen gezeigt und ist beim SK Sturm absolut gesetzt. Die Fans können dank des neu gefundenen routinierten Rückhalts aufatmen, für so manchen Jugendspieler eröffnet sich dank des Polen ein ganz neues Tätigkeitsfeld: Szamotulski soll während der Trainings hin und wieder Jungkicker zur Tankstelle geschickt haben, um ihm ein Bier zu holen. Der Wahrheitsgehalt dieser Legende sei dahingestellt, seiner Leistung hat es jedenfalls nicht geschadet, 1,41 Gegentreffer/Spiel wirken zwar drastisch, allerdings hat er die Mannschaft sehr oft vor einer (noch höheren) Niederlage bewahrt.

 

 

2006/07: 21 Bundesligaeinsätze Grzegorz Szamotulski, 15 Christian Gratzei

Vor dem Hintergrund des drohenden Finanzkollapses entscheidet sich der Pole frühzeitig dazu, seinen im Sommer auslaufenden Vertrag in Graz nicht zu verlängern. Von diesem Zeitpunkt an ist er für Trainer Franco Foda keine Option für die Startelf mehr, Christian Gratzei wird zur neuen Nummer Eins befördert und macht im Frühjahr jedes Spiel, neuer Reservekeeper wird der Deutsche Darius Kampa, der den Verein nach einem halben Jahr ohne Einsatz aber gleich wieder verlässt. Gratzei weiß in dieser Phase wie die ganze junge Mannschaft durchaus zu überzeugen, Sturm bekommt über die ganze Saison nur 40 Gegentreffer, der Obersteirer muss nur 13mal hinter sich greifen und hält damit bei beachtlichen 0,87 Gegentreffern/Spiel

Die besten Jahre

2007/08: 32 Bundesligaeinsätze Christian Gratzei, 5 Josef Schicklgruber

Erstmals wird Gratzei kein neuer Konkurrent vor die Nase gesetzt und er startet als Stammtorwart in eine Bundesligasaison. Diese Rolle füllt er so souverän aus, dass er im Februar 2008 von Josef Hickersberger zum ersten Mal ins österreichische Nationalteam einberufen wird, bei der 0:3 Niederlage im Test gegen Deutschland sitzt er aber nur auf der Bank. Gratzei wurde auch in den erweiterten Kader für die Europameisterschaft einberufen, musste wegen einer Verletzung letztendlich aber absagen. Der zurückgeholte Josef Schicklgruber fungiert bei Sturm von Beginn weg als routiniertes Backup und füllt diese Rolle auch zur allgemeinen Zufriedenheit aus. Letztendlich erreicht Sturm den vierten Platz, Gratzei erhält in dieser Saison durchschnittlich 1,06 Gegentreffer/Spiel und wird von den Spielern, Trainern und Managern der Bundesligavereine erstmals zum Torhüter der Saison gewählt.

2008/09: 20 Bundesligaeinsätze Christian Gratzei, 12 Josef Schicklgruber, 5 Martin Kobras

Die neue Saison beginnt denkbar schlecht: Achillessehnenreizung, erst Ende Oktober zur 14. Runde steigt Gratzei wieder in die Bundesliga ein. Der verspätete Auftakt ist dafür ein guter, Altach wird mit 6:0 zurück hinter den Arlberg geschickt. Während der verletzungsbedingten Absenz springt erneut Pepi Schicklgruber ein (1,25 Gegentreffer, allerdings verzerrt das legendäre 5:6 gegen Mattersburg diese Zahl), außerdem erhält der junge Martin Kobras seine ersten Bundesligaspiele (2,1). Schicklgruber wechselt im Winter nach Altach, als Ersatz für den alten Mann wird der Bosnier Zdenko Baotic aus Rumänien verpflichtet, ohne einen einzigen Einsatz verlässt dieser den SK Sturm aber nach einer Halbsaison wieder. Auch Kobras sollte dem Verein bekanntlich nicht allzu lange erhalten bleiben, heute spielt er in Vorarlberg beim SCR Altach. Sobald Gratzei seine Matchfitness wieder erlangt hat, ist er dann auch wieder unumstrittener Stammtorhüter, die beiden anderen müssen wieder auf der Bank bzw. der Tribüne Platz nehmen. 0,95 Gegentreffer/Spiel

2009/10: 36 Bundesligaeinsätze Christian Gratzei

3240 Minuten dauert eine Bundesligasaison. 3240 Minuten Spielzeit hatte Christian Gratzei in dieser. Der Rückhalt, Dauerbrenner, unumstrittener Stammtorwart in einer langen Saison, die in Klagenfurt mit irgendsoeinem Spiel gegen den SC Wiener Neustadt vielumjubelt zu Ende geht. Im Oktober 2009, in der dunklen Ära von Didi Constantini als Teamchef wird dann auch der Traum vom Nationalteam wahr, im WM-Qualifikationsspiel gegen Frankreich feiert der Leobner sein Debüt. Bis 2012 wird Gratzei quasi durchgehend einberufen, insgesamt zehn Länderspieleinsätze stehen für ihn zu Buche. In der Liga müssen sich die jungen Keeper hinten anstellen, weder Andreas Lukse noch Uwe Kropfhofer ist ein Einsatz vergönnt. Gratzei beendet die Saison mit starken 1,00 Gegentreffern/Spiel

Christian Gratzei wird zum besten Torhüter der Saison 2010/11 gewählt. CC BY-SA 3.0

Christian Gratzei wird zum besten Torhüter der Saison 2010/11 gewählt.
CC BY-SA 3.0

2010/11: 26 Bundesligaeinsätze Christian Gratzei, 10 Silvije Cavlina

Im Nachhinein sollte man sich bei der Allgemeinheit für den Meistertitel wohl entschuldigen. Also, natürlich nicht für den Meistertitel. Der gehört nach Graz, jedes Jahr, das er woanders verbringt ist ein verlorenes Jahr und bringt Babykatzen zum Weinen. Zumindest diskussionswürdig sind aber so manche Konsequenzen des Titels, konkret gesprochen: Das hier. Wie dem auch sei, der SK Sturm ist also Meister, nicht zuletzt Dank eines in großartiger Form agierenden Christian Gratzei, der in diesem Jahr sogar eine Defensive mit Dominic Pürcher und Thomas Burgstaller zum Meistertitel führen konnte. In diesem Jahr wird Gratzei zum zweiten Mal zum besten Torhüter der Bundesliga gewählt, im Nationalteam gibt es an Jürgen Macho dennoch kein Vorbeikommen. Silvije Cavlina übernahm in dieser und der darauffolgenden Saison jeweils den Part, den vorher Schicklgruber innehatte: Krankenstandsvertretung. Dies tat der Kroate stets recht souverän, 1,20 Gegentreffer/Spiel sind vertretbar. Christian Gratzei hält in diesem Jahr bei starken 0,81 Gegentreffern/Spiel.

Ständiger Konkurrenzkampf und schwankende Leistungen

2011/12: 18 Bundesligaeinsätze Christian Gratzei, 18 Silvije Cavlina

Ein Riss des Meniskus führt in diesem Jahr dazu, dass Gratzei so wenige Spiele absolviert wie zuletzt 2006/07. Er verpasst neben zahlreichen Bundesligarunden auch die gesamte Gruppenphase der Europa League, und muss interessanterweise auch nach seiner Genesung noch einige Wochen auf der Bank sitzen, da Cavlina als Vertretung tadellose Leistungen bietet (1,11 Gegentreffer/Spiel). Hier zeichnet sich bereits ein gewisser Abwärtstrend beim Obersteirer ab, die Meisterform kann er nach seiner Verletzung nie mehr wieder erreichen, die gesamte Mannschaft agiert fahriger und schlampiger als im Jahr zuvor, dies gipfelt in der Cupniederlage gegen Hartberg und der Entlassung von Trainer Franco Foda durch Kurzzeitsportdirektor Paul Gludovatz. Für Gratzei stehen in diesen 18 Spielen 1,17 Gegentreffer/Spiel zu Buche.

2012/13: 22 Bundesligaeinsätze Johannes Focher, 14 Christian Gratzei
(c) Steindy/Wikimedia Commons

(c) Steindy/Wikimedia Commons

Alles neu macht der Mai. Bei Sturm kam der Mai eben erst etwas später und hat sich als Peter Hyballa verkleidet, dafür ist er umso konsequenter. Der emotionale, streitbare Trainer bringt neben vielen neuen Konzepten, deren Umsetzung teilweise noch bis heute aussteht, auch einen neuen Torwart mit. Nach dem Abgang von Silvije Cavlina nach Kroatien wechselt der junge Deutsche Johannes Focher, bei den Amateuren von Borussia Dortmund bereits einmal Spieler unter Hyballa, nach Graz, wo ihm nach einigen wackligen Spielen Gratzeis der Einserstatus zugestanden wird. Wie man inzwischen weiß, war sein Aufenthalt in Graz nicht von langer Dauer. Focher hat seine Karriere inzwischen beendet. Die Fangemeinde stand bei dem unerwarteten Tormannwechsel damals jedenfalls geschlossen auf Seiten Gratzeis, jeder Fehler den man bei ihm wohl stillschweigend hingenommen hätte, wird bei Johannes Focher zu einem Drama aufgeblasen. Auf der anderen Seite sei aber auch gesagt, dass Focher einige Male tatsächlich eine sehr unglückliche Figur machte, was auch der mittelprächtige Schnitt von 1,45 Gegentreffern/Spiel unterstreicht, der zuvor erwähnte Milderungsgrund von Szamotulski gilt bei Focher nicht, Spiele hat er für die Mannschaft kaum gerettet. Nach der umstrittenen Entlassung von Peter Hyballa wechselt Interimstrainer Markus Schopp, wohl auch um die Fanszene wieder zu besänftigen, recht schnell wieder zu Christian Gratzei als Torhüter Nummer eins. Die durchwachsene Saison findet in einer 0:3 Heimniederlage gegen den SC Wiener Neustadt ihr Ende, auch der Obersteirer wird an dieses Jahr wohl eher ungern zurückdenken: 1,71 Gegentreffer/Spiel stellen den bis dahin schlechtesten Wert seiner Karriere dar.

2013/14: 22 Bundesligaeinsätze Benedikt Pliquett, 15 Christian Gratzei
CC by-sa Werner100359 (Wikimedia Commons)

CC by-sa Werner100359 (Wikimedia Commons)

Der neue Trainer Darko Milanic setzt nicht mehr auf Focher, Gratzei eröffnet die Saison. Da er dies jedoch mit eher mittelprächtigen Leistungen tut, sehen sich die Verantwortlichen nach einem neuen Herausforderer für den Obersteirer um. Diesen finden sie in einem schrägen, aber sympathischen Hamburger. Benedikt Pliquett, ehemaliger Zweier- bzw. Dreiertorhüter und Ultra beim FC St. Pauli (womit hier auch eine schöne Querverbindung zu Heinz Weber zehn Jahre zuvor geschaffen wäre), heißt der neue Mann. Leoben gegen Hamburg, das ist zwar keine Brutalität, aber in den Schlaf gekuschelt haben sich die beiden wohl auch eher nicht. Focher ist frustriert und verlässt den Verein noch in der Sommertransferperiode. (Wie es mit ihm weiterging, steht hier.) In der 9. Runde sieht Gratzei die rote Karte, damit kommt Pliquett erstmals ins Sturmtor, und nach dem Ablaufen der Sperre wechselt Milanic einfach nicht mehr zurück. Aufgrund der schwachen Leistungen Gratzeis hält sich dieses Mal auch die Aufregung unter den Fans in sehr engen Grenzen, der Gratzei von 2013 hat mit jenem aus der Meistersaison nicht mehr allzu viel gemein. Der erhoffte Rückhalt ist „Bene“ allerdings leider auch nicht immer. In manchen Partien hält er scheinbar unhaltbare Bälle, an anderen Tagen reicht ein Rückpass um den Hamburger ernsthaft in Bedrängnis zu bringen. Als der Wahnsinn zu viel wird, kommt mitten in der Saison Christian Gratzei wieder an ein paar Spiele (und einen Krapfen), nur, um dann erneut durch Pliquett aus der Startelf verdrängt zu werden. Die Saison 2013/14 ist wohl keinem Sturmfan in guter und lieber Erinnerung, dafür spielt die Mannschaft einfach zu schwach, und die Euphorie, die vor der Saison durch die Verpflichtungen von Milanic und dem slowenischen Stürmer Robert Beric entstanden war, wurde mit den EL-Qualispielen gegen Breidablik auch recht konsequent bekämpft. Die Torhüterleistungen und die damit verbundenen schwachen Zahlen passen sich diesem Niveau nahtlos an, Pliquett beendet die Saison mit 1,27, Gratzei sogar mit 1,66 Gegentreffern/Spiel.

2014/15: 31 Bundesligaeinsätze Christian Gratzei, 4 Benedikt Pliquett, 2 Tobias Schützenauer

Erneut ging Christian Gratzei als Nummer Eins in die Saison, nach sechs Spielen und neun Gegentoren entschied sich Trainer Milanic aber für einen Wechsel. Benedikt Pliquett erhielt die letzten drei Spiele vor dem überraschenden Abgang des Slowenen nach Leeds das Vertrauen des Trainers, nach dem Wechsel war es damit dann aber auch wieder vorbei. Interimstrainer Günter Neukirchner ließ den Hamburger noch spielen, aber seit Franco Foda wieder Trainer des SK Sturms ist, durfte „Bene“ für kein einziges Spiel in der Bundesliga mehr auflaufen. Dieser sofortige und dauerhafte Wechsel deutet auch auf eine gute Vertrauensbasis zwischen Foda und Gratzei hin, denn nach einem kurzen Formhoch unter Foda hätte es im Frühjahr einige Gelegenheiten und Gründe gegeben, über eine Veränderung im Tor nachzudenken. Pliquett war bei Foda jedoch offenbar unten durch, und so durfte der junge Tobias Schützenauer in der Endphase der Saison noch Bundesligaluft schnuppern. Schützenauer: 0,00 Gegentreffer/Spiel ; Pliquett: 1,50 ; Gratzei: 1,13

2015/16: 36 Bundesligaeinsätze Michael Esser
Michael Bruno Esser (c) GEPA pictures/ Energie Steiermark

(c) GEPA pictures/ Energie Steiermark

Michael „Bruno“ Esser war der erste Konkurrent seit Grzegorz Szamotulski, der Christian Gratzei einfach in allen Belangen überlegen war. Der aus Bochum gekommene Keeper fand sich in der Mannschaft sofort zurecht, pfiff auf eine Eingewöhnungsphase in neuer Umgebung und zeigte sofort großartige Leistungen, die nach dem Abgang von Michael Madl im Winter sogar mit der Kapitänsschleife belohnt wurde. Einziger Wehrmutstropfen: Esser hielt zu gut, besser noch als es die 1,11 Gegentreffer/Spiel vermuten lassen würden. Der wohl stärkste Keeper der letztjährigen Bundesligasaison weilt inzwischen bekanntermaßen nicht mehr unter uns, ihn zog es in die deutsche Bundesliga zum SV Darmstadt 98, ein Aufstieg den ihm wohl jeder Sturmfan von Herzen gönnt.

2016/17: Christian Gratzei, Daniel Lück, Tobias Schützenauer

Nach einem langen Tauziehen in der Transfercausa Filip Dmitrovic, leider mit für Sturm negativem Ausgang, erhält Gratzei heuer erneut einen Konkurrenten aus Deutschland. Daniel Lück wechselt vom Drittligisten Cottbus an die Mur, verpasst jedoch aufgrund des späten Wechsels die gesamte Vorbereitung. Daher steht bis zum heutigen Tage wieder Christian Gratzei im Sturmtor, so wie er dies nun schon seit 15 Jahren mal mehr, mal weniger regelmäßig tut. Man darf gespannt sein, ob es dem Deutschen Lück, wie seinen Vorgängern, gelingen wird, Gratzei zumindest temporär auf die Bank zu verdrängen, oder ob Gratzei zum ersten Mal seit der Meistersaison wieder seinen Einserstatus unangefochten durch die Saison bringt. Sollte sich keiner der beiden Keeper verletzen, wird es für Tobias Schützenauer wohl auch heuer wieder schwer sein, auf Bundesligaeinsatzminuten zu kommen. Und vielleicht, nur vielleicht, lernt Christian Gratzei ja sogar noch, Abstöße platziert auszuführen.

Resümierend lässt sich noch sagen, dass quasi alle Keeper, die sich im Laufe ihrer Karriere mit Christian Gratzei um den Einserstatus beim SK Sturm gematcht haben, nach ihrem Abgang kaum oder garnicht mehr weiterentwickelt haben. Bei Szamotulski, Schicklgruber oder De Wilde war dies aus Altersgründen verständlich, die Karrieren von Heinz Weber und Thomas Mandl hätten aber auch nach ihrem Abgang durchaus erfolgreicher verlaufen können. Einzig Martin Kobras und Andreas Lukse spielen heute noch in der Bundesliga, sie duellieren sich beim SCR Altach um den Platz im Tor. Für Michael Esser ist natürlich zu hoffen, dass er von diesem „Fluch“ verschont bleibt.

Sommer 2016. Portugal ist mit dem „falschen“ Ronaldo soeben Europameister geworden, Jahre nach der Euro-Einführung rechnen manche Österreicher immer noch in Schilling um, das Ottawa-Abkommen über die Ächtung von Anti-Personen-Minen ist mittlerweile von 162 Staaten ratifiziert, und beim SK Sturm spielt ein nicht mehr ganz so junger Obersteirer noch immer.

GratzeiStats

 

 

6 Kommentare

  1. Schworza99 Schworza99 sagt:

    „You either die a hero, or you live long enough to see yourself become the villain“

     

     

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    • lollo sagt:

      You either die as a Meister- and Teamgoalie, or you live long enough to see yourself become the Krapfenexer.

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  2. DeLanceTV sagt:

    Die Torwartpolitik bei uns ist ohnehin seit Jahren (eigentlich einem guten Jahrzehnt ) abgesehen von der generellen Transferpolitik, die hoffentlich !) der Vergangenheit angehört, eine ganz eigene Wissenschaft… Z.B Esser, ein  Top Transfer auf der einen Seite, den man zwar Ablösefrei verpflichten kann, andererseits kassiert man leider wiedermal kaum eine Ablöse beim Weiterverkauf , aufgrund einer Austiegsklausel,ohne die er warscheinlich gar nicht erst hier unterschrieben hätte…Bei Lück muss man abwarten ob er seine Verpflichtung rechtfertigt und Gratzei verdrängen wird. Man muss Gratzei aber zugestehen das er seine Sache bis jetzt Ordentlich macht, zwar keine Weltklasse-Paraden, aber was zu halten ist hält er, ich persönlich erwarte mir nicht mehr von ihm, und natürlich tut auch die ebenfalls sehr sichere Abwehr ihr übriges dazu. Und es gab keine skurillen Interviews mehr von ihm in der jüngeren Vergangenheit, wenn das so bleibt, kann ich sogar mit Gratzei als 1er in seiner Letzten Bundesliga Saison leben…

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    • Pizzo sagt:

      Ich gebe dir absolut recht! Weltklasse-Parade,waren heuer aber auch noch keine von Nöten finde ich. Bin gespannt wie sich die Situation entwickelt. Sollte es so weitergehen, wäre auch kein Wechsel notwendig. Dann sollte man vielleicht versuchen, L7ck f7rs Fr7hjahr aufzubauen. Halte wenig von dauernden Torhüterwechseln während der Saison.

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    • Pizzo sagt:

      Außerdem glaube ich, m7ssen wir uns bei Christian bedanken. Hat Zeitweise auf einem Top-Level gespielt und ist seit 15 Jahren ein Schwarz Weißer. Geben wir ihm zum Start heuer das vertrauen, vielleicht kann er nochmal überraschen und Top Leistungen bringen. Bis jetzt wäre OK finde ich!

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